Zum Jahresanfang sind sie überall: Neujahrsvorsätze. Und gleichzeitig wirken sie auf viele von uns abgenutzt, moralisch aufgeladen oder wie ein weiterer Akt der Selbstoptimierung.
In dieser Folge frage ich mich, warum wir ausgerechnet am 1. Januar neu anfangen wollen – und woher dieses Ritual eigentlich kommt. Ich spreche über den psychologischen Fresh-Start-Effekt, über die Geschichte der Neujahrsvorsätze und darüber, warum so viele von ihnen scheitern.
Gleichzeitig geht es um philosophische und feministische Kritik an Vorsätzen: Um Selbstoptimierung, Care und die Frage, können Vorsätze auch solidarischer und weniger leistungsorientiert sein?
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► Nietzsche: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben (1874)
► Sartre: Das Sein und das Nichts (1943)
► Byung-Chul Han: Müdigkeitsgesellschaft (2010)
► Sara Ahmed: Das Glücksversprechen. Eine feministische Kulturkritik (2010)
► YouTube: An ethic of care: a conversation with Joan Tronto
► TikTok: laurenwiltse
► Forsa-Umfrage der DAK Gesundheit zu Vorsätzen für 2026
► National Geographic: New Year’s resolutions aren’t a fad—they have endured for thousands of years
► YouTube: Interview mit Katy Milkman
► Langzeitstudie der Universität Scranton zu Neujahresvorsätzen (2021)
Hi und herzlich willkommen im Sinneswandel Podcast. Ich bin Marilena und ich freue mich, dass ihr heute dabei seid.
TikTok: “Jedes Neujahr schreiben mein Fiancé und ich unsere großen Ziele auf Champagner-Botteln und drücken sie, wenn wir das Ziel erreicht haben. Es ist so ein lustiger Weg, uns gegenseitig accountable zu halten und unsere Gewinne über die Jahre zu feiern.”
Und damit: Happy New Year. Ich weiß nicht, ob eure Neujahrsvorsätze oder Routinen auch so aussehen wie bei diesem Couple, das ich auf TikTok gefunden habe. Aber ich erinnere mich auf jeden Fall noch extrem gut daran, dass früher, als ich im Fitnessstudio angemeldet war, es im Januar immer brechend voll war, weil alle ihre guten Vorsätze hatten. Und dann hat es nicht lange gedauert – nach ein, zwei Wochen war der Laden wieder leer.
Zwischen Selbstoptimierung und ehrlicher Selbstreflexion
Einerseits ist das Thema Neujahrsvorsätze ein bisschen abgedroschen, weil es auch irgendwie verpönt ist. Neujahrsvorsätze gelten schnell als Selbstoptimierung, als etwas, das man sowieso nicht durchzieht.
Und andererseits habe ich gedacht: Eigentlich ist es doch auch total schön. Wann nimmt man sich sonst bewusst die Zeit, zu reflektieren? Sich zu fragen: Wer möchte ich eigentlich sein? Wie war mein letztes Jahr? Was tat mir gut, was nicht? Was möchte ich verändern?
Natürlich ist es sinnvoll, sich solche Fragen nicht nur einmal im Jahr zu stellen. Aber ich mache das inzwischen seit 2018 so, dass ich mir zum 31. Dezember ein paar Reflexionsfragen stelle – gar nicht so sehr mit dem Fokus auf Veränderung, sondern eher darauf, was eigentlich alles passiert ist. Mir tut das ziemlich gut.
Dieses Jahr habe ich mir zum ersten Mal sogar einen kleinen Brief geschrieben, den ich nächstes Jahr lesen werde. Digital zwar, aber trotzdem. Und genau daraus ist die Idee für diese Podcastfolge entstanden.
Was Menschen sich wirklich wünschen: Ergebnisse der Forsa-Umfrage
Ich bin auf eine aktuelle Forsa-Umfrage zu Neujahrsvorsätzen gestoßen. Und die fand ich ziemlich interessant. Der Großteil der Menschen wünscht sich mehr Zeit für Familie, Freund*innen und für sich selbst, weniger Stress und mehr Sport.
Mein erster Gedanke war: Okay, Lösungsvorschlag – Kapitalismus abschaffen. Dann wären viele Probleme vielleicht gelöst. Aber so einfach ist es natürlich nicht.
Ich selbst habe übrigens keine klassischen Neujahrsvorsätze. Ich mache gerade Dry January, wie jedes Jahr. Das fühlt sich für mich eher wie eine Art Entgiftungsmaßnahme an als wie ein Vorsatz.
Und trotzdem habe ich mich gefragt: Woher kommen Neujahrsvorsätze eigentlich? Warum machen wir das? Warum ausgerechnet am 1. Januar – und wie sinnvoll ist das alles überhaupt?
Woher Neujahrsvorsätze kommen: Ein historischer Blick
Ich habe mich ein bisschen eingelesen und war überrascht, wie alt Neujahrsvorsätze tatsächlich sind. Schon im alten Babylon, vor rund 4000 Jahren, gab es ein Neujahrsfest. Menschen machten Versprechen – allerdings nicht sich selbst, sondern den Göttern. Und das Ganze fand nicht im Januar statt, sondern im März, zur Aussaat. Also sehr stark an Natur und religiöse Rituale gebunden.
Dass wir heute im Januar Neujahr feiern, geht auf die Römer zurück. Sie verlagerten den Jahresbeginn wegen des Gottes Janus. Janus hat zwei Gesichter: eines blickt zurück, eines nach vorn. Vielleicht kommt daher auch dieses Ritual des Rück- und Vorausblickens.
Aber auch damals ging es noch nicht um Fitness oder Selbstoptimierung. Eher um Opfer, um Gelöbnisse für besseres Verhalten.
Mit der Aufklärung und der Säkularisierung veränderten sich Vorsätze zunehmend. Besonders in der Biedermeierzeit wurden sie privater, bürgerlicher, protestantischer. Es ging um Tugenden wie Mäßigkeit, Fleiß, weniger Trinken und um Familie.
Der Begriff „New Year’s Resolution“ taucht vermutlich erstmals 1813 in einer Bostoner Zeitung auf. Sinngemäß hieß es dort: Viele sündigen im Dezember absichtlich, um im Januar neu zu starten. Auch das fand ich ziemlich aufschlussreich.
Warum Neujahr sich wie ein psychologischer Neustart anfühlt
Warum aber ausgerechnet Neujahr? Theoretisch könnten wir ja jeden Montag oder jeden beliebigen Tag neu anfangen.
Hier kommt der sogenannte Fresh-Start-Effekt ins Spiel. Die Verhaltensökonomin Katy Milkman beschreibt, dass der 1. Januar psychologisch wie ein Neustartknopf funktioniert.
„People are naturally gravitating towards these moments that feel like fresh starts in order to make change.“
Unser Gehirn liebt solche Schwellenmomente. Sie geben uns das Gefühl: Jetzt beginnt etwas Neues. Jetzt kann ich mich committen. Jetzt entwerfe ich ein neues Ich.
Ich kenne das auch aus meinem eigenen Leben. An meinem letzten Geburtstag – auch so ein Schwellenmoment – habe ich aufgehört zu rauchen. Ich habe vorher nie viel geraucht, aber immer mal wieder. Und dann habe ich gesagt: Jetzt reicht’s. Und bisher funktioniert das erstaunlich gut.
Vorsätze setzen übrigens Dopamin frei. Schon die Vorstellung eines besseren, zukünftigen Ichs fühlt sich gut an. Gleichzeitig erzeugen Vorsätze aber auch Druck. Die Angst zu scheitern kann lähmend sein.
Warum so viele Vorsätze scheitern
Es gibt eine Langzeitstudie der Universität Scranton in den USA. Laut ihr halten nur etwa 8 Prozent der Menschen ihre Neujahrsvorsätze über ein ganzes Jahr durch. Rund 80 Prozent brechen sie bis Februar ab.
Es gibt sogar einen bestimmten Tag, an dem besonders viele aufgeben: den sogenannten Quitters Day. Der ist am 9. Januar. Dann holt uns der Alltag ein. Arbeit, Familie, Verpflichtungen. Und neue Gewohnheiten brauchen im Schnitt 66 Tage, um sich zu verankern. Zu diesem Zeitpunkt sehen wir meist noch keine Ergebnisse – das macht es so schwer.
Also: Brauchen wir überhaupt Vorsätze, um uns zu verändern?
Philosophische Zweifel: Kann man sich selbst etwas versprechen?
Philosophisch betrachtet ist ein Vorsatz erst einmal ein Versprechen an ein zukünftiges Selbst, das es noch gar nicht gibt. Daraus ergeben sich spannende Fragen: Bleibe ich derselbe Mensch? Kann ich mir etwas für eine Zukunft versprechen, deren Kontext ich noch gar nicht kenne?
Nietzsche betont, dass Versprechen immer riskant sind. Niemand kann für immer etwas garantieren. Wir haben keine vollständige Kontrolle über die Zukunft – und genau darin liegt die Überforderung.
Existenzialisten wie Sartre würden fragen, ob Neujahrsvorsätze nicht auch eine Form der Selbsttäuschung sind. Einerseits können sie Ausdruck radikaler Freiheit sein: Ich entwerfe mich neu, übernehme Verantwortung. Andererseits verschieben sie Veränderung symbolisch auf einen magischen Zeitpunkt, um im Hier und Jetzt nicht handeln zu müssen.
Byung-Chul Han habe ich hier schon öfter erwähnt. Er kritisiert, dass wir in der Leistungsgesellschaft unsere eigenen Wünsche kaum noch von Leistungsnormen trennen können. Dass wir permanent unter Optimierungsdruck stehen – oft, ohne es bewusst zu merken.
Ich habe mich gefragt, ob Vorsätze deshalb immer nach Hustle klingen müssen. Oder ob es auch andere Arten gibt, sich etwas vorzunehmen?!
Feministische Perspektiven auf Selbstfürsorge
In der feministischen Theorie gibt es dazu spannende Gegenentwürfe. Die Kulturwissenschaftlerin Sara Ahmed etwa sagt: Dieses „Sei glücklich, arbeite an dir“ ist oft gar kein freier Wunsch, sondern eine moralische Pflicht. Wer da nicht mitmacht, wer nicht strahlt oder sich optimiert, gilt schnell als Spielverderberin – als sogenannte Feminist Killjoy.
Ahmed schlägt deshalb so etwas wie eine Killjoy Solidarity vor: bewusst nicht mitzuspielen. Sich gemeinsam gegen diese Optimierungslogik zu stellen. Das ist natürlich leichter gesagt als getan, weil wir ja alle in diesen Strukturen leben.
Auch in der Care-Ethik wird Arbeit an sich selbst anders gedacht – relationaler. Wir sind keine isolierten Individuen, sondern Knoten in Beziehungen. Die Politikwissenschaftlerin Joan Tronto bringt das sehr klar auf den Punkt. Sie spricht darüber, dass Menschen ständig geben und nehmen, oft ohne es überhaupt wahrzunehmen – und dass Care vor allem dann sichtbar wird, wenn man privilegiert genug ist, sie vermeiden zu können.
Und daraus folgt für sie etwas Politisches: Care nicht nur als private Selbstsorge zu sehen, sondern als Grundlage von Beziehungen, von Pflege – und letztlich auch von Demokratie.
Persönlicher Ausblick: Wünsche statt Vorsatz
Ich nehme mir für dieses Jahr keine klassischen Neujahrsvorsätze vor. Aber es gibt Dinge, auf die ich Lust habe. Ich möchte mich wieder ehrenamtlich engagieren – in einer Grundschule vorlesen, in einem Pflegeheim, vielleicht in einer Küche für Bedürftige.
Ich hätte auch Lust, wieder Theater zu spielen. Etwas Spielerisches zu tun, jenseits von Performance-Logik.
Mich interessiert, wie es euch geht: Habt ihr Neujahrsvorsätze? Oder seid ihr eher Feminist Killjoys? Schreibt mir gern. Per Mail, auf Instagram oder wo auch immer ihr mögt.
Kommt gut ins neue Jahr. Wir hören uns ganz bald wieder.