Ständig werden wir gestört – im Alltag, in Gesprächen, im Beruf. Und oft sind es kleine Momente, in denen etwas nicht so läuft wie geplant, die hängen bleiben.
In dieser „laut gedacht“-Folge spreche ich mit Hannes – einem guten Freund von mir und Künstler – darüber, was wir eigentlich als Störung wahrnehmen und warum uns manche Dinge aus der Bahn werfen, während andere fast unbemerkt bleiben. Ausgangspunkt sind ganz konkrete Situationen: ein Geräusch, das plötzlich alles verändert, ein Moment, der irritiert – und dann doch etwas Neues in Gang setzt.
Wir versuchen zu verstehen, was hinter diesem Gefühl steckt: Wie stark unsere Wahrnehmung von Erwartungen geprägt ist, warum wir Kontrolle so schwer loslassen und wann eine Störung nicht nur nervt, sondern produktiv werden kann. Dabei geht es auch um größere Fragen: Wer entscheidet eigentlich, was „normal“ ist? Und was passiert, wenn man eine Störung nicht sofort beheben will – sondern sie einfach stehen lässt?
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► Michel Foucault: Wahnsinn und Gesellschaft (1961)
► Pipilotti Rist: Pixelwald (2016)
Warum bringen uns Störungen aus dem Konzept?
Es beginnt mit einem Gefühl, das viele kennen: Etwas passt nicht. Oft sind es Kleinigkeiten – und trotzdem lösen sie Irritation aus. Im Gespräch wird deutlich: Diese Irritation sagt oft weniger über die Situation selbst aus als über die Erwartungen, mit denen sie betrachtet wird. Dinge sollen funktionieren, kohärent sein, Sinn ergeben. Wenn das nicht passiert, entsteht Reibung.
Irritation als Bruch – und als Möglichkeit
Störungen werden meist als etwas Negatives verstanden. Sie unterbrechen Abläufe, wirken wie Fehler im System. Entsprechend entsteht schnell der Impuls, sie zu beheben oder zu ignorieren. Gleichzeitig zeigt sich eine andere Perspektive: Vielleicht liegt genau darin ihr Wert. Denn in dem Moment, in dem etwas nicht aufgeht, wird sichtbar, was sonst selbstverständlich bleibt. Normen, Annahmen und implizite Regeln treten erst dann hervor, wenn sie nicht mehr „funktionieren“.
An dieser Stelle wird auch ein Gedanke aufgegriffen, der sich bei Michel Foucault findet: Das, was als „normal“ gilt, ist kein neutraler Zustand, sondern entsteht durch gesellschaftliche Ordnung und Machtverhältnisse. Störungen machen diese Ordnung sichtbar, weil sie von ihr abweichen.
Irritation als künstlerische Praxis
Als Künstler arbeitet Hannes gezielt mit solchen Momenten. Irritation wird nicht als Störung verstanden, die es zu vermeiden gilt, sondern als Mittel, um Wahrnehmung zu verschieben. Im Gespräch wird dabei auch Pippilotti Rist erwähnt. Ihre Arbeiten zeigen, dass Irritation nicht nur durch Bruch entsteht, sondern auch durch Übersteigerung. Bilder sind nah, körperlich, intensiv – nicht fremd, sondern fast zu präsent.
Genau darin liegt ein zentraler Punkt: Irritation entsteht nicht nur durch das Andere, sondern auch dann, wenn Vertrautes aus dem gewohnten Rahmen kippt. Das kann bedeuten, Erwartungen bewusst zu unterlaufen oder Situationen so zu gestalten, dass sie sich nicht sofort erschließen. Entscheidend ist weniger der Effekt als der Moment des Innehaltens – ein Zweifel, ein zweiter Blick.
Wer bestimmt, was „normal“ ist?
Ein wiederkehrendes Motiv ist die Frage nach Normen. Was gilt als „normal“, was als „störend“? Diese Kategorien entstehen in sozialen Kontexten: durch Gewohnheiten, durch geteilte Erwartungen und durch Macht. Störungen machen diese Ordnung sichtbar, gerade weil sie aus ihr herausfallen. In diesem Sinne sind Irritationen nicht nur persönliche Erfahrungen, sondern auch Hinweise auf größere Zusammenhänge. Sie zeigen, wo etwas nicht aufgeht – und stellen die Frage, ob es auch anders möglich wäre.
Zwischen dem Wunsch nach Ordnung und Kontrollverlust
Irritation bleibt ambivalent. Sie kann anstrengend sein und bedeutet oft einen Moment von Kontrollverlust. Hier zeigt sich eine zentrale Spannung: das Bedürfnis nach Klarheit, Struktur und Verlässlichkeit – und gleichzeitig die Einsicht, dass genau diese Ordnung begrenzt. Neue Perspektiven entstehen oft erst dort, wo sie bricht.
Müssen Störungen beseitigt werden?
Ein zentraler Gedanke ist, Irritation nicht direkt „wegzuerklären“, sondern den Moment auszuhalten, in dem etwas unklar bleibt. Dabei entsteht ein Zwischenraum: zwischen Deutung und Nicht-Verstehen, zwischen Erwartung und Realität. Ein Raum, in dem sich Wahrnehmung verschieben kann. Das bedeutet nicht, Störungen zu romantisieren. Aber möglicherweise, ihnen nicht sofort ihre produktive Kraft zu nehmen.
Warum Störungen vielleicht notwendig sind
Am Ende steht keine einfache Antwort, sondern eine Verschiebung der Perspektive. Störungen bleiben unangenehm – aber sie sind nicht nur das. Sie können ein Hinweis sein. Ein Bruch, der sichtbar macht, was sonst unsichtbar bleibt. Und möglicherweise ein Ausgangspunkt für neue Fragen, andere Blickwinkel oder ein genaueres Hinschauen.