Kunst und Kultur – (in Krisen) nicht systemrelevant?

von Ricarda Manth

Was ist der Mensch ohne Kultur? Kultur, nicht nur verstanden als das Schöngeistige und Intellektuelle, das, womit sich das Feuilleton einer Zeitung beschäftigt. Aus Perspektive der Kulturphilosophie ist Kultur alles, was Menschen aus sich und dem Vorgefundenen machen. Wer die Frage stellt, ob Menschen Kultur brauchen, muss sich also vergegenwärtigen, dass dieser Kulturbegriff alles umfasst. In diesem Sinne ist eine menschliche Welt ohne Kultur unmöglich.

Umso interessanter erscheint daher die Debatte, die seit Bekanntmachung der Schutzmaßnahmen zur Eindämmung des Covid-19 Virus entbrannt ist. Ein Streit, der immer wieder um den Terminus der “Systemrelevanz” kreist. Und die Frage aufwirft, auf welche Praktiken, Dienstleistungen und Örtlichkeiten wir in krisenhaften Zeiten verzichten können und sollten. Diese Debatte verfolgt auch der Schweizer Manuel Scheidegger, der Philosophie und Szenische Künste in Berlin und Hildesheim studiert hat, gespannt und hat hierzu einen Essay verfasst, der nun als erster Gastbeitrag im Rahmen des Sinneswandel Podcast erscheint.

SHOWNOTES:

► Till Brönner’s [Wutrede] (https://www.facebook.com/tillbroenner/videos/ich-habe-mich-nach-langer-zeit-dazu-entschlossen-mich-zur-derzeitigen-corona-sit/1501640906891425/).
► [Julian Nida-Rümelin] (https://www.3sat.de/kultur/kulturzeit/gespraech-mit-julian-nida-ruemelin-102.html) über die Corona-Maßnahmen: Kulturzeit-Gespräch.
► [Kunst, Kritik und Krise] (https://www.nzz.ch/meinung/kolumnen/kunst-kritik-und-krise-ld.1557127): NZZ-Kolumne von Konrad Paul Liessmann.
► Hans Georg Gadamer: [Wahrheit und Methode] (https://www.mohrsiebeck.com/buch/gesammelte-werke-9783161505171?no_cache=1) (1960).
► Georg W. Bertram: [Kunst als menschliche Praxis] (https://www.suhrkamp.de/buecher/kunst_als_menschliche_praxis-georg_w_bertram_29686.html) (2014).
► Alva Noë: [Strange Tools: Art and Human Nature] (http://www.alvanoe.com/strange-tools) (2015).
► [Amelie Deuflhard] (https://www.deutschlandfunkkultur.de/amelie-deuflhard-zum-theater-lockdown-wir-sollten-uns-nicht.1013.de.html?dram:article_id=487075) zum Theater-Lockdown: FAZIT-Beitrag.

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[Intro Marilena]

Die Stimmung ist angespannt. Nur wenige Tage vor dem “Internationalen Tag zur Bekämpfung von Gewalt an Frauen” wird sich weltweit auf Aktionen und Proteste vorbereitet. Trotz der schwierigeren Bedingungen versuchen Frauen den öffentlichen Protest in Zeiten von Versammlungs- und Kontaktbeschränkungen zu verteidigen. Denn auch in diesem Jahr gibt es viele Gründe, sich gegen die ökonomische Ungleichheit und gegen männliche, patriarchale Gewalt und Machtverhältnisse aufzulehnen: Ausbeutung, Diskriminierung, fehlende gleichberechtigte Teilhabe an Arbeit, Bildung, Politik und Gesellschaft, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz und Vergewaltigung. Der Körper der Frau als Zielscheibe patriarchaler Politik gehört alles andere, als der Vergangenheit an, wie sich auch anhand der kürzlich in Polen geplanten Verschärfung des Abtreibungsgesetzes sehen lässt. Auch dort gehen sie auf die Straßen. Es wird vom “Protest der Frauen” gesprochen. Deren schwarze Kleidung zum Symbol des Widerstands wird, in einem Moment, in dem das Recht, als Frau über den eigenen Körper, das eigene Leben entscheiden zu dürfen, noch weiter beschränkt zu werden droht. 

Weltweit, so Amnesty International, stellen unsichere Schwangerschaftsabbrüche noch immer eine der häufigsten Todesursachen von Frauen, mit geschätzten 25 Millionen unsicheren Abtreibungen pro Jahr dar. Bei jeder gesetzlichen Regulierung des Schwangerschaftsabbruchs handelt es sich um einen fundamentalen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Frau und es ist ein Kernelement der Frauenunterdrückung. Es gibt keinen vergleichbaren gesetzlichen Eingriff in die körperliche Integrität des Mannes. Der Kampf gegen Gewalt an Frauen ist daher unzertrennlich vom Kampf für Gleichberechtigung. Gewalt gegen Frauen ist keine Privatangelegenheit, kein Tabu und kein Schicksal, dem sich Frauen zu beugen haben. Der 25. November, als “Internationaler Tag zur Bekämpfung von Gewalt an Frauen” ist daher ein Tag, an dem wir aufstehen und gegen Gewalt, Sexismus, Ausgrenzung und Ausbeutung protestieren sollten. In Polen, Deutschland, weltweit – Frauen, wie Männer.

Der heutige Beitrag soll sowohl die Relevanz der Thematik unterstreichen als auch unsere Solidarität mit den Protestierenden in Polen bekunden. Verfasst hat ihn Gastautorin Isabell Leverenz, die sich bereits seit ihrem Studium der Kulturwissenschaften und Psychologie mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen und ihren Verschränkungen, wie Rassismus und Sexismus befasst. 

Bevor wir inhaltlich einsteigen, möchte ich noch kurz darauf hinweisen, dass ihr uns nach wie vor finanziell unterstützen und damit einen Sinneswandel möglich machen könnt. Als Fördermitglieder ermöglicht ihr nicht nur die Produktion des Podcast und wertschätzt unsere Arbeit, ihr habt zudem die Möglichkeit regelmäßig an Buchverlosungen teilzunehmen. Finanziell unterstützen, könnt ihr uns zum Beispiel über Paypal.me/sinneswandelpodcast – das geht schon ab 1€. Alle weiteren Optionen habe ich in den Shownotes verlinkt. Vielen Dank.


                           

»Wir haben genug«, »mein Körper, meine Entscheidung«, »To jest wojna – das ist Krieg«, heißt es auf zahlreichen Plakaten der Menschen – vorwiegend Frauen – die derzeit zu Zehntausenden in Polen demonstrieren. Mit »Krieg« ist der Krieg des Staates gegen die Körper von Frauen gemeint. Am 22. Oktober 2020 ist in Polen ein neues Gesetz in Kraft getreten, das es ungewollt Schwangeren fast gänzlich verbietet, ihre Schwangerschaft abzubrechen. Ohnehin schon hatte das katholisch geprägte Land – neben Irland und Malta – eines der restriktivsten Abtreibungsgesetze der Europäischen Union. Seit 1993 war in Polen ein Abbruch nur dann legal, wenn die Schwangerschaft die Gesundheit oder das Leben der Mutter gefährdet, sie Folge einer Straftat ist, oder eine schwere und irreversible Beeinträchtigung des Fötus vorliegt. Mit dem neuen Gesetz gilt letzterer Grund nun als verfassungswidrig. Das heißt: Es zwingt Frauen dazu, ihre Schwangerschaft auch dann fortzuführen, wenn der Fötus entweder unheilbar erkrankt oder nicht lebensfähig ist. Es schränkt damit ihr Recht auf sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung noch weiter ein. Und – diesen Punkt möchte ich anmerken – das Gesetz adressiert zwar Frauen, betrifft aber in der Praxis Menschen mit Uterus, also auch trans-Männer und Personen mit nicht-binären oder intersexuellen Geschlechteridentitäten. 

Das Verfassungstribunal begegnet mit dem neuen Gesetz dem mit Abstand häufigsten Abtreibungsgrund in Polen: Etwa 95% aller legalen Schwangerschaftsabbrüche erfolgen wegen einer Fehlbildung oder einer schweren Erkrankung des Fötus. Für die regierende rechtskonservative PiS-Partei ein Verstoß gegen das in der Verfassung garantierte Recht auf Leben. So drängen sowohl die PiS als auch die katholische Kirche schon seit Jahren darauf, das Recht auf Abtreibung weiter einzuschränken. Mit allen Mitteln: Um eine endgültige Durchsetzung des Abtreibungsverbotes zu erwirken, übergingen die Ultra-Konservativen eine parlamentarische Debatte und ließen das Gesetz auf direktem Wege durch das Verfassungstribunal ändern. Ein Tribunal, das sich seit der Justizreform 2015 und 2016 vorrangig aus Abgeordneten der PiS zusammensetzt. Damit wurde es politisiert und seiner Unabhängigkeit beraubt. Aus dem Polnischen übersetzt bedeutet PiS »Recht und Gerechtigkeit«. Welch Ironie. Gerechtigkeit – fragt sich, für wen? Mit dem neuen, de facto totalen Abtreibungsverbot verfügt eine männlich dominierte Instanz über die Rechte von Frauen und nimmt ihnen ihr dahingehendes Selbstbestimmungsrecht.

Trotz der durch die Pandemie herrschenden, erschwerten Protestbedingungen lehnen sich Menschen in ganz Polen vehement gegen die seit nun fast drei Jahrzehnten anhaltende Aberkennung der Rechte von Frauen auf und fordern den Rücktritt der Regierung. Allen voran, sind es insbesondere junge Frauen, die sich empört zeigen. Marta Lempart, eine der Köpfe der polnischen Frauenbewegung, reflektiert die Wucht des Widerstandes; sie sagt: »I think it is a whole backlash against a patriarchal culture, against the patriarchal state, against the fundamentalist religious state, against the state that treats women really badly«. Die Gegenbewegung zielt auf das Patriarchat als Obrigkeit der Kirche, als hierarchisches Gesellschaftssystem und auf das von Männern dominierte soziale System, in dem die Rechte der Frauen offenbar Rechte zweiter Klasse sind. Hiermit unterstreicht die Aktivistin den stark moralisch aufgeladenen Diskurs.

Das Abtreibungsgesetz in Polen greift die Rechte von Frauen an; es diskreditiert ihre körperliche Integrität und ihre Autonomie. Und: Es widerspricht dem weltweit anerkannten Recht auf selbstbestimmte Mutterschaft. Die Aktivistin Sarah Diehl unterstreicht dies: »Unsere christlich-männlich und technokratisch geprägte Kultur macht aus einer Stärke der Frau, ihrer Gebärfähigkeit, eine Schwäche. Ein Gesundheitssystem, das Abtreibung stigmatisiert, hat ein generelles Problem mit der Qualität der Frauengesundheit«. Durch das Abtreibungsverbot werden ungewollt Schwangere in die Illegalität gedrängt – in Polen werden Schwangerschaftsabbrüche jährlich in mehr als 100.000 Fällen illegal durchgeführt. Es geht hier also nicht darum, ob eine Abtreibung stattfindet, sondern vielmehr: wie. Illegale Abbrüche werden zumeist unsachgemäß durchgeführt und sind daher lebensgefährlich für ungewollt Schwangere.

Schon seit Jahren plädieren christliche Fundamentalist:innen und Abgeordnete der PiS-Partei für das totale Abtreibungsverbot. Ein Schwangerschaftsabbruch aufgrund einer schweren gesundheitlichen Beeinträchtigung des Fötus stellt für sie eine Form der »Eugenik« dar, so der genaue Wortlaut. Das neue Gesetz sei somit eine Chance, die Diskriminierung von Menschen mit Behinderung zu beenden. Die Ultra-Konservativen inszenieren sich hiermit nicht nur als Sprecher:innen von Menschen mit Behinderung, sie greifen gleichermaßen ein Ziel der Interessenpolitik der Frauen- und Behindertenbewegung heraus. Etabliert werden soll mit dem Verbot eine sogenannte »Willkommenskultur für Kinder«, ein Ausdruck, der nicht selten in Wahlprogrammen oder Ansprachen rechtskonservativer Politiker:innen auftaucht. Ich frage mich, kann das ein effektiver Weg sein? Sollte nicht eher auf gesellschaftspolitischer Ebene, anstelle auf individueller Ebene angesetzt werden? Sollten nicht eher mehr Unterstützungsstrukturen für Menschen mit Behinderung und ihre Familien aufgebaut werden? Sollte nicht eher dem bestehenden Ableismus, also der Diskriminierung von Menschen mit Behinderung, aktiver begegnet werden, damit bestehende, gesellschaftliche Barrieren abgebaut werden können, die letztlich die Entscheidung für oder gegen ein Kind mit Behinderung maßgeblich beeinflussen? Und weiter: Es scheint mir nicht verwunderlich zu sein, dass jene Männer, die die Gesetze in Polen erlassen – die de facto keine Geburt am eigenen Leib und die Veränderungen im Körper erfahren haben – diesen intensiven Prozess, der nach der Geburt bei weitem nicht abgeschlossen ist, Frauen zumuten, als sei es eine Selbstverständlichkeit. Als sei dies nun mal die Aufgabe der Frau, das Gebären. Und das nicht selten dazu gehörende körperlich und psychisch erfahrene Leid, eben ihre Bürde, die sie zu (er-)tragen hat. Ihr Leben gegen das des ungeborenen Fötus. Dass sowohl die eigentlich ungewollte Schwangerschaft als auch die Geburt Leid für die Betroffenen bedeuten können  und sie sich bei einer illegalen Abtreibung in Lebensgefahr begeben, scheint dem Ziel der polnischen Regierung, dem »Lebensschutz«, wie sie es ironischerweise bezeichnen, offenbar nicht zu entsprechen. 

Grundsätzlich halte ich  das Thema Abtreibung für eines, das im gesellschaftlichen Diskurs unmittelbar mit Trauer, Scham und Trauma verbunden wird. Es wird angenommen, dass Schwangere auf ihren Abbruch ausschließlich mit negativen Gefühlen reagieren. Bis auf wenige empowernde Ausnahmen – wie etwa die britische Fernsehserie »Sex Education« oder das Filmdrama »Niemals, Selten, Manchmal, Immer« – vermitteln Filme und Serien ein zumeist eindimensionales Bild: Die weiße junge cis-Frau, eingebettet in ein Schuld- und Schamnarrativ; also voller Zweifel und Schuldgefühle, sich fragend, ob der Eingriff die richtige Entscheidung war. Sozialwissenschaftliche Befragungen belegen jedoch das Gegenteil: Wenn ungewollt Schwangere die Chance auf eine Abtreibung haben, lassen sich ihre Gefühle nicht ausschließlich auf Trauer und Scham reduzieren; viele fühlen sich vor allem erleichtert und sind sich sicher, die für sich richtige Entscheidung getroffen zu haben. Ein Schwangerschaftsabbruch ist mit Nichten gleichzusetzen mit einem Zahnarztbesuch, jedoch sollte in dem medialen Diskurs um Abtreibung berücksichtigt werden, dass Betroffene unterschiedlich mit ihren Erfahrungen umgehen. Eine differenzierte Betrachtung sollte dementsprechend auch in der Öffentlichkeit stattfinden – denn diese prägt massiv unser Denken.    

In nur wenigen Ländern gelten Schwangerschaftsabbrüche nicht als Straftat. Kanada etwa gilt als das Vorzeigebeispiel für einen liberalen Umgang mit dem Thema Abtreibung; es handelt sich hier um eine ärztliche Behandlung, die keiner staatlichen Einmischung bedarf.      In Deutschland werden Abtreibungen zwar unter bestimmten Voraussetzungen geduldet, sind aber gesetzlich als Straftat verankert. Der gesellschaftliche und politische Umgang mit dem Thema zeigt, dass Europa, so wie es sich gerne inszeniert, als Vorreiterin der Welt und als Hort der Geschlechteregalität, nicht so progressiv ist, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Um der Misslage in Polen zu begegnen, hilft die durch Spenden finanzierte Berliner Initiative Ciocia Basia ungewollt Schwangeren aus dem Nachbarland, eine sichere und legale Abtreibung in Deutschland durchzuführen. Das macht deutlich, wie dringlich die Situation für viele Betroffene ist. Die jungen Aktivist:innen in Polen rufen immer wieder »Solidarität ist unsere Waffe«. Deshalb halte ich es für wichtig, Organisationen wie Ciocia Basia, Pro-Choice-Bündnisse oder Initiativen für sexuelle Selbstbestimmung zu unterstützen. Vor allen Dingen aber ist ein gesellschaftliches Umdenken unabdingbar. »Trust women«, lautet einer der Slogan der US-amerikanischen Pro-Choice-Bewegung, angelehnt an den Abtreibungsarzt George Tiller. Er war es, der auf das frauenfeindliche Denken hinter den Abtreibungsverboten- und Debatten aufmerksam machte. Ginge es um die Sexualität und die Gebärfähigkeit, mangele es an Vertrauen gegenüber Frauen, weshalb Staat und Gesellschaft über sie und ihren Körper verfügen möchten, sobald sie schwanger werden. Was jedoch völlig fehlt, ist ein Bewusstsein dafür, dass ungewollt Schwangere die kompetentesten Expertinnen in dieser Situation sind. Dass sie in der Lage sind, die Konsequenzen einer Mutterschaft, die nur sie tragen müssen, zu überblicken. Was fehlt, ist ein Raum, der sogenannte Tabuthemen wie Abtreibung, Fehlgeburten oder postnatale Depression anerkennt und damit sensibel verhandelbar macht. Ein Raum, der eine Schwangerschaft, die Mutterschaft oder Elternschaft von ihrem einseitigen Narrativ, dem als puren Glückszustand, löst. Es braucht mehr Information, mehr Dialog, mehr Verständnis und vor Allem braucht es mehr Autonomie für ungewollt Schwangere. 


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