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Marilena

Marilena

Astro-Hype: Sinnsuche oder Selbsttäuschung?

von Marilena 26. Februar 2026

In dieser Folge des Sinneswandel-Podcasts gehe ich der Debatte um sogenannte „Lifestyle-Teilzeit“ nach. Ausgelöst wurde sie durch politische Forderungen, wonach Teilzeit nur aus „legitimen Gründen“ wie Care-Arbeit oder Weiterbildung erlaubt sein solle. Freizeit wird dabei moralisiert – und persönliche Lebensgestaltung zur gesellschaftlichen Bedrohung erklärt.

Ich spreche über Arbeit, Erschöpfung und Produktivität: darüber, warum immer mehr Menschen ihre Arbeitszeit reduzieren wollen, warum vor allem Frauen in Teilzeit arbeiten und weshalb Burnout längst kein individuelles Problem mehr ist. Anhand von Stimmen aus Journalismus, Ökonomie und Pädagogik frage ich, ob mehr Arbeit wirklich mehr Wohlstand bedeutet – oder ob freie Zeit nicht ein zentraler Bestandteil einer funktionierenden Demokratie ist.

Es geht um Ungleichheit, Erbschaften, Care-Arbeit und um die Frage, warum Erschöpfung privatisiert wird, während Produktivität öffentlich verhandelt wird. Und darum, ob eine wohlhabende Gesellschaft nicht weniger fragen sollte, wie sie Menschen zu mehr Arbeit bringt – sondern warum freie Zeit überhaupt als Problem gilt.

Shownotes

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💌 redaktion@sinneswandel.art
► sinneswandel.art

►Sinneswandel Podcast: Recht auf Faulheit: Zeit & Muße demokratisieren?
►Hannah Arendt (1958): Vita activa oder Vom tätigen Leben)
►Paul Lafargue (1883): Recht auf Faulheit)
► Mareice Kaiser
►Instagram: Raze Baziani
► Statistisches Bundesamt: Fast jede zweite erwerbstätige Frau arbeitet in Teilzeit
► MIT: Antrag Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit
► YouTube: Merz: „Müssen mehr arbeiten“ ntv
►YouTube: “Lifestyle-Teilzeit”: Arbeiten die Deutschen zu wenig? Mit Marcel Fratzscher
► DIW: Schätzung Erbvolumen jährlich
► DIW: Auf dem Weg in die Gesellschaft der Privatiers
►ARD: Hart aber fair: Kein Aufschwung, Jobs in Gefahr: Wer muss jetzt mehr leisten?
►tagesschau (2024): Kleines Wirtschaftswunder dank Vier-Tage-Woche
►Focus (2024): Neue Studie zeigt: Gen Z ist bereit für Vier-Tage-Woche auf Gehalt zu verzichten
►Instagram: DIE DA OBEN
► Instagram: Julian Kamps


Wem gehört unsere Zeit?

„Ich bin mir sicher, keine und keiner von uns wird auf dem Sterbebett sagen: Hätte ich doch bloß mehr gearbeitet.“ Mit diesem Gedanken beginnt diese Folge – und mit einer Frage, die gerade erstaunlich politisch geworden ist: Wem gehört eigentlich unsere Zeit?

Ausgangspunkt ist ein virales Video von Julian Kamps, der nach wenigen Wochen Vollzeit-Arbeit erschöpft feststellt, dass ein 100-Prozent-Job für ihn nicht aufgeht. Man kann darüber spotten oder es als privilegiert abtun. Spannender ist aber die dahinterliegende Frage: Warum reagieren wir so empfindlich, wenn Menschen ihre Arbeitszeit infrage stellen?

Die „Lifestyle-Teilzeit“-Debatte

In der politischen Debatte tauchte zuletzt ein Begriff auf, der viel über unsere Haltung zu Arbeit verrät: Lifestyle-Teilzeit.
Der Wirtschaftsflügel der Union argumentierte, Teilzeitarbeit sei nur dann legitim, wenn sie „gute Gründe“ habe – etwa Kinderbetreuung, Pflege oder Weiterbildung. Alles andere gelte als Luxus.

Damit verschiebt sich die Debatte. Denn plötzlich geht es nicht mehr um Strukturen oder Rechte, sondern um individuelle Moral. Freie Zeit erscheint als Laune, nicht als legitimer Teil eines Lebens.

Journalistin Mareike Kaiser nennt den Begriff deshalb menschenverachtend. Und tatsächlich wirkt er vor allem deshalb so stark, weil er Teilzeit emotional auflädt: als egoistisch, als bequem, als unsolidarisch.

Aber warum wird Frei-Zeit überhaupt moralisiert?

Lifestyle als Bedrohung?

Wenn Politiker sagen, Work-Life-Balance gefährde den Wohlstand, dann wird persönliche Lebensgestaltung zur nationalen Frage. Gleichzeitig bleibt Erschöpfung eine private Angelegenheit.

Dabei zeigen Zahlen etwas anderes: In Deutschland werden so viele Arbeitsstunden geleistet wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Das liegt unter anderem daran, dass mehr Frauen arbeiten – oft in Teilzeit. Besonders in Pflege, Erziehung und sozialen Berufen ist Teilzeit keine Lifestyle-Entscheidung, sondern eine Überlebensstrategie.

Ökonom Marcel Fratzscher weist darauf hin, dass wir nicht fragen sollten, wer Teilzeit arbeitet, sondern wie viele Stunden insgesamt geleistet werden. Denn Arbeit verschwindet nicht – sie verteilt sich nur anders.

Die eigentliche Frage lautet daher nicht: Arbeiten wir zu wenig? Sondern: Wessen Zeit gilt als wertvoll – und wessen nicht?

Zeit-Wohlstand und Ungleichheit

Gleichzeitig lohnt sich ein Blick auf Vermögen. Jährlich werden in Deutschland rund 400 Milliarden Euro vererbt. Hunderttausende leben vollständig von Kapitalerträgen – ohne Erwerbsarbeit.

Während also Lohnabhängige ihre Zeit rechtfertigen müssen, bleibt leistungsfreier Wohlstand politisch erstaunlich unangetastet. Lifestyle wird hier nicht problematisiert, sondern normalisiert.

Deshalb stellt sich eine andere Frage: Ist Teilzeit wirklich das Problem – oder eher eine Gesellschaft, die freie Zeit nur dann akzeptiert, wenn sie ökonomisch begründet ist?

Hier zeigt sich ein Widerspruch: Während Teilzeit moralisch problematisiert wird, bleiben Vermögensungleichheit und Steuerprivilegien weitgehend unangetastet. Die Frage nach Wohlstandssicherung wird individualisiert, obwohl strukturelle Hebel existieren.

Wer arbeitet eigentlich – und wie viel?

Ökonomische Daten zeigen: In den letzten Jahren wurden so viele Arbeitsstunden geleistet wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Grund dafür ist vor allem, dass mehr Menschen arbeiten – insbesondere Frauen, häufig in Teilzeit.

Fast jede zweite Frau arbeitet in Teilzeit, bei Männern sind es deutlich weniger. Viele Teilzeitbeschäftigte würden gerne mehr arbeiten, während viele Vollzeitbeschäftigte ihre Stunden reduzieren möchten. Oft verhindern fehlende Kitas, steuerliche Anreize oder starre Arbeitsmodelle genau das.

Erschöpfung als privates Problem?

Burnout-Symptome betreffen inzwischen jede fünfte arbeitende Person. Viele reduzieren ihre Stunden nicht aus Bequemlichkeit, sondern um gesund bleiben zu können.

Die Erziehungspädagogin Sophie Brauer bringt es so auf den Punkt: Erst durch Teilzeit konnte sie wieder gerne arbeiten. Der Beruf war nicht weniger wichtig – aber endlich leistbar.

Hier zeigt sich ein Widerspruch: Produktivität gilt als verhandelbar, Belastung nicht. Dabei stellt sich längst die Frage, ob mehr Arbeit überhaupt mehr Leistung bedeutet – oder ob das Gegenteil der Fall ist.

Warum wird Produktivität öffentlich verhandelt – Erschöpfung aber privatisiert?

Mehr Arbeit = mehr Produktivität?

Die Annahme, dass längere Arbeitszeiten automatisch zu mehr Wohlstand führen, hält einer genaueren Betrachtung kaum stand. Studien zur Vier-Tage-Woche zeigen: Produktivität und Zufriedenheit können steigen, Kündigungen sinken. Viele Beschäftigte wünschen sich kürzere Arbeitszeiten – selbst bei geringerem Gehalt.

Die Debatte wirkt daher weniger wie ein Generationenkonflikt als wie ein Wertewandel.

Arbeit, Sinn und Privilegien

Nicht alle können in ihrer Arbeit aufgehen. Gute Arbeitsbedingungen, Anerkennung und faire Bezahlung sind Privilegien. Für viele Menschen ist Erwerbsarbeit vor allem eine Frage der Möglichkeiten – geprägt durch Herkunft, Geschlecht, Migrationserfahrung oder fehlende Anerkennung von Qualifikationen.

Rund 15 Millionen Menschen arbeiten in Deutschland unter ihrem Qualifikationsniveau. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Muss Lohnarbeit immer sinnstiftend sein? Und ist es legitim, weniger davon zu wollen?

Wofür leben wir eigentlich?

Schon Paul Lafargue sprach im 19. Jahrhundert vom „Recht auf Faulheit“. Seine Idee war radikal: Maschinen sollten Arbeit reduzieren, nicht vermehren. Freizeit verstand er nicht als Luxus, sondern als Voraussetzung für ein anderes Leben.

Auch Hannah Arendt warnte davor, Arbeit zum alleinigen Sinnstifter zu machen. Sie unterschied zwischen Arbeiten, Herstellen und Handeln – und betonte, dass politisches, kreatives und gemeinschaftliches Handeln Zeit braucht, die nicht ökonomisch verwertet wird.

Ohne diese Zeit, so Arendt, verarmt die Welt. Nicht finanziell, sondern gesellschaftlich.

Was Wohlstand bedeuten könnte

Vielleicht liegt der Kern der Debatte genau hier: Eine wohlhabende Demokratie sollte nicht fragen, wie sie Menschen zu mehr Erwerbsarbeit zwingt. Sondern warum Freizeit überhaupt als moralisches Problem gilt.

Denn Zeit ist nicht nur Produktivitätsfaktor. Sie ist Voraussetzung für Fürsorge, Engagement, Demokratie – und für ein Leben, das mehr ist als Arbeit.

26. Februar 2026

Wem gehört meine Zeit?

von Marilena 11. Februar 2026

In dieser Folge des Sinneswandel-Podcasts gehe ich der Debatte um sogenannte „Lifestyle-Teilzeit“ nach. Ausgelöst wurde sie durch politische Forderungen, wonach Teilzeit nur aus „legitimen Gründen“ wie Care-Arbeit oder Weiterbildung erlaubt sein solle. Freizeit wird dabei moralisiert – und persönliche Lebensgestaltung zur gesellschaftlichen Bedrohung erklärt.

Ich spreche über Arbeit, Erschöpfung und Produktivität: darüber, warum immer mehr Menschen ihre Arbeitszeit reduzieren wollen, warum vor allem Frauen in Teilzeit arbeiten und weshalb Burnout längst kein individuelles Problem mehr ist. Anhand von Stimmen aus Journalismus, Ökonomie und Pädagogik frage ich, ob mehr Arbeit wirklich mehr Wohlstand bedeutet – oder ob freie Zeit nicht ein zentraler Bestandteil einer funktionierenden Demokratie ist.

Es geht um Ungleichheit, Erbschaften, Care-Arbeit und um die Frage, warum Erschöpfung privatisiert wird, während Produktivität öffentlich verhandelt wird. Und darum, ob eine wohlhabende Gesellschaft nicht weniger fragen sollte, wie sie Menschen zu mehr Arbeit bringt – sondern warum freie Zeit überhaupt als Problem gilt.

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Wem gehört unsere Zeit?

„Ich bin mir sicher, keine und keiner von uns wird auf dem Sterbebett sagen: Hätte ich doch bloß mehr gearbeitet.“ Mit diesem Gedanken beginnt diese Folge – und mit einer Frage, die gerade erstaunlich politisch geworden ist: Wem gehört eigentlich unsere Zeit?

Ausgangspunkt ist ein virales Video von Julian Kamps, der nach wenigen Wochen Vollzeit-Arbeit erschöpft feststellt, dass ein 100-Prozent-Job für ihn nicht aufgeht. Man kann darüber spotten oder es als privilegiert abtun. Spannender ist aber die dahinterliegende Frage: Warum reagieren wir so empfindlich, wenn Menschen ihre Arbeitszeit infrage stellen?

Die „Lifestyle-Teilzeit“-Debatte

In der politischen Debatte tauchte zuletzt ein Begriff auf, der viel über unsere Haltung zu Arbeit verrät: Lifestyle-Teilzeit.
Der Wirtschaftsflügel der Union argumentierte, Teilzeitarbeit sei nur dann legitim, wenn sie „gute Gründe“ habe – etwa Kinderbetreuung, Pflege oder Weiterbildung. Alles andere gelte als Luxus.

Damit verschiebt sich die Debatte. Denn plötzlich geht es nicht mehr um Strukturen oder Rechte, sondern um individuelle Moral. Freie Zeit erscheint als Laune, nicht als legitimer Teil eines Lebens.

Journalistin Mareike Kaiser nennt den Begriff deshalb menschenverachtend. Und tatsächlich wirkt er vor allem deshalb so stark, weil er Teilzeit emotional auflädt: als egoistisch, als bequem, als unsolidarisch.

Aber warum wird Frei-Zeit überhaupt moralisiert?

Lifestyle als Bedrohung?

Wenn Politiker sagen, Work-Life-Balance gefährde den Wohlstand, dann wird persönliche Lebensgestaltung zur nationalen Frage. Gleichzeitig bleibt Erschöpfung eine private Angelegenheit.

Dabei zeigen Zahlen etwas anderes: In Deutschland werden so viele Arbeitsstunden geleistet wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Das liegt unter anderem daran, dass mehr Frauen arbeiten – oft in Teilzeit. Besonders in Pflege, Erziehung und sozialen Berufen ist Teilzeit keine Lifestyle-Entscheidung, sondern eine Überlebensstrategie.

Ökonom Marcel Fratzscher weist darauf hin, dass wir nicht fragen sollten, wer Teilzeit arbeitet, sondern wie viele Stunden insgesamt geleistet werden. Denn Arbeit verschwindet nicht – sie verteilt sich nur anders.

Die eigentliche Frage lautet daher nicht: Arbeiten wir zu wenig? Sondern: Wessen Zeit gilt als wertvoll – und wessen nicht?

Zeit-Wohlstand und Ungleichheit

Gleichzeitig lohnt sich ein Blick auf Vermögen. Jährlich werden in Deutschland rund 400 Milliarden Euro vererbt. Hunderttausende leben vollständig von Kapitalerträgen – ohne Erwerbsarbeit.

Während also Lohnabhängige ihre Zeit rechtfertigen müssen, bleibt leistungsfreier Wohlstand politisch erstaunlich unangetastet. Lifestyle wird hier nicht problematisiert, sondern normalisiert.

Deshalb stellt sich eine andere Frage: Ist Teilzeit wirklich das Problem – oder eher eine Gesellschaft, die freie Zeit nur dann akzeptiert, wenn sie ökonomisch begründet ist?

Hier zeigt sich ein Widerspruch: Während Teilzeit moralisch problematisiert wird, bleiben Vermögensungleichheit und Steuerprivilegien weitgehend unangetastet. Die Frage nach Wohlstandssicherung wird individualisiert, obwohl strukturelle Hebel existieren.

Wer arbeitet eigentlich – und wie viel?

Ökonomische Daten zeigen: In den letzten Jahren wurden so viele Arbeitsstunden geleistet wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Grund dafür ist vor allem, dass mehr Menschen arbeiten – insbesondere Frauen, häufig in Teilzeit.

Fast jede zweite Frau arbeitet in Teilzeit, bei Männern sind es deutlich weniger. Viele Teilzeitbeschäftigte würden gerne mehr arbeiten, während viele Vollzeitbeschäftigte ihre Stunden reduzieren möchten. Oft verhindern fehlende Kitas, steuerliche Anreize oder starre Arbeitsmodelle genau das.

Erschöpfung als privates Problem?

Burnout-Symptome betreffen inzwischen jede fünfte arbeitende Person. Viele reduzieren ihre Stunden nicht aus Bequemlichkeit, sondern um gesund bleiben zu können.

Die Erziehungspädagogin Sophie Brauer bringt es so auf den Punkt: Erst durch Teilzeit konnte sie wieder gerne arbeiten. Der Beruf war nicht weniger wichtig – aber endlich leistbar.

Hier zeigt sich ein Widerspruch: Produktivität gilt als verhandelbar, Belastung nicht. Dabei stellt sich längst die Frage, ob mehr Arbeit überhaupt mehr Leistung bedeutet – oder ob das Gegenteil der Fall ist.

Warum wird Produktivität öffentlich verhandelt – Erschöpfung aber privatisiert?

Mehr Arbeit = mehr Produktivität?

Die Annahme, dass längere Arbeitszeiten automatisch zu mehr Wohlstand führen, hält einer genaueren Betrachtung kaum stand. Studien zur Vier-Tage-Woche zeigen: Produktivität und Zufriedenheit können steigen, Kündigungen sinken. Viele Beschäftigte wünschen sich kürzere Arbeitszeiten – selbst bei geringerem Gehalt.

Die Debatte wirkt daher weniger wie ein Generationenkonflikt als wie ein Wertewandel.

Arbeit, Sinn und Privilegien

Nicht alle können in ihrer Arbeit aufgehen. Gute Arbeitsbedingungen, Anerkennung und faire Bezahlung sind Privilegien. Für viele Menschen ist Erwerbsarbeit vor allem eine Frage der Möglichkeiten – geprägt durch Herkunft, Geschlecht, Migrationserfahrung oder fehlende Anerkennung von Qualifikationen.

Rund 15 Millionen Menschen arbeiten in Deutschland unter ihrem Qualifikationsniveau. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Muss Lohnarbeit immer sinnstiftend sein? Und ist es legitim, weniger davon zu wollen?

Wofür leben wir eigentlich?

Schon Paul Lafargue sprach im 19. Jahrhundert vom „Recht auf Faulheit“. Seine Idee war radikal: Maschinen sollten Arbeit reduzieren, nicht vermehren. Freizeit verstand er nicht als Luxus, sondern als Voraussetzung für ein anderes Leben.

Auch Hannah Arendt warnte davor, Arbeit zum alleinigen Sinnstifter zu machen. Sie unterschied zwischen Arbeiten, Herstellen und Handeln – und betonte, dass politisches, kreatives und gemeinschaftliches Handeln Zeit braucht, die nicht ökonomisch verwertet wird.

Ohne diese Zeit, so Arendt, verarmt die Welt. Nicht finanziell, sondern gesellschaftlich.

Was Wohlstand bedeuten könnte

Vielleicht liegt der Kern der Debatte genau hier: Eine wohlhabende Demokratie sollte nicht fragen, wie sie Menschen zu mehr Erwerbsarbeit zwingt. Sondern warum Freizeit überhaupt als moralisches Problem gilt.

Denn Zeit ist nicht nur Produktivitätsfaktor. Sie ist Voraussetzung für Fürsorge, Engagement, Demokratie – und für ein Leben, das mehr ist als Arbeit.

11. Februar 2026

Laut gedacht: Sind Utopien delulu?

von Marilena 2. Februar 2026

Utopien sind gerade nicht besonders populär. In Zeiten von Krisen, Klimawandel und politischer Unsicherheit wirken Ideen von einer besseren Zukunft oft unrealistisch oder überholt.

In dieser Folge spreche ich mit Thomas über Utopien, Delulu, Solulu und das Konzept der Präfiguration – Begriffe, die auf unterschiedliche Weise beschreiben, wie Menschen über Zukunft nachdenken und sie sich vorstellen. Wir erkunden, wie Utopien heute funktionieren können, wie Anti-Dystopien als Gegenentwurf zur alltäglichen Krisenerfahrung wirken und warum der Weg in eine wünschenswerte Zukunft oft im Hier und Jetzt beginnt.

Ein Gespräch über Zeitgeist, Vorstellungskraft, gesellschaftliche Perspektiven und das Spannungsfeld zwischen Idealvorstellung und Realität.

Shownotes

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► Mehr über Thomas auf seiner Website
► Präfigurativ Schreiben mit Thomas
► Hermann, I. (2025). Zukunft ohne Angst: Wie Anti-Dystopien neue Perspektiven eröffnen. oekom
► Sörensen, P. (2023). Präfigurative Politik: Eine Einführung. Mandelbaum
► Starodub, A. (2020). Lasst es glitzern, lasst es knallen: Politische Theorie und Praxis für die Utopie. edition assemblage
► Loick, D. (2024). Die Überlegenheit der Unterlegenen: Eine Theorie der Gegengemeinschaften. Suhrkamp
► Raekstad, P. & Gradin, S. (2020). Prefigurative Politics: Building Tomorrow Today. Polity Press
► Adamczak, B. (2017). Beziehungsweise Revolution. 1917, 1968 und kommende. Suhrkamp


 

Sind Utopien delulu? Mit Thomas über Präfiguration als solulu

Delulu, Solulu und der Zeitgeist von Utopien

Zum Einstieg gibt es ein Assoziationsspiel. Marilena nennt das Wort „delulu“ – ein Begriff aus der Gen-Z-Kultur, abgeleitet von delusional.

Delulu steht einerseits für etwas Unrealistisches, Weltfremdes. Andererseits kann es auch positiv gelesen werden: als bewusste Flucht aus einer von Krisen geprägten Realität, als Fantasieraum, fast Pippi-Langstrumpf-mäßig – ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.

Spannend ist auch die Abwandlung „Solulu“ – von solution. Eine Haltung, die sagt: Vielleicht ist das Delulu-Denken selbst schon eine Lösung. Ein Versuch, sich Handlungsspielräume zurückzuholen, wo alles festgefahren scheint.

Anti-Dystopie statt Utopie?

Thomas bringt ein Buch ins Spiel: Anti-Dystopien von Isabella Herrmann. Die These: Klassische Utopien holen viele Menschen nicht mehr ab. Zu präsent sind Klimakrise, autoritäre Tendenzen, politische Ohnmacht.

Anti-Dystopie bedeutet nicht, an eine perfekte Zukunft zu glauben – sondern die Verschlechterung ernst zu nehmen und trotzdem zu versuchen, das Schlimmste zu verhindern. Kein naiver Optimismus, sondern ein pessimistischer Realismus, der fragt: Was können wir jetzt tun?

Utopien erscheinen in diesem Licht schnell delulu – und passen vielleicht nicht mehr in den Zeitgeist. Genau hier setzt Thomas’ Perspektive an.

Präfiguration: Wenn Zukunft im Jetzt beginnt

Marilena und Thomas sprechen über Präfiguration – ein Begriff aus politischer Theorie und Praxis. Statt auf einen fernen Idealzustand zu hoffen, geht es darum, gewünschte Zukunftsformen bereits im Hier und Jetzt zu leben.

Nicht: Irgendwann wird alles besser. Sondern: Wie handeln wir heute so, dass es sich bereits anders anfühlt?

Präfiguration fragt nach dem Wie:

  • Wie organisieren wir uns?
  • Wie treffen wir Entscheidungen?
  • Wie gehen wir mit Konflikten um?
  • Welche Mittel passen zu welchen Zielen?

Dabei geht es um horizontale Beziehungen, gemeinsame Reflexion und darum, Wege immer wieder anzupassen, wenn sie sich falsch anfühlen.

Aktivismus, Erschöpfung und politische Desillusionierung

Thomas beschreibt seinen eigenen Weg: Jahre politischer Aktivismus. Die Erfahrung, trotz Engagement wird vieles schlimmer. Gewalt nimmt zu, Regierungen werden autoritärer. Irgendwann die Einsicht: Es wird nicht mehr einfach besser.

Präfiguration wird hier zu einem Wendepunkt. Nicht als Rückzug, sondern als neue Form von politischem Handeln. Eine Praxis, die Sinn stiftet, ohne sich Illusionen zu machen.

Feministische, queere und relationale Perspektiven

Präfigurative Politik ist stark beeinflusst von feministischer und queerer Theorie. Sie stellt Machtverhältnisse, Privilegien und Positionierungen in den Mittelpunkt.

Thomas reflektiert seine eigene Rolle als weißer Mann mit deutschem Pass – und betont, dass viele Erfahrungen von Diskriminierung nicht „mitgedacht“, sondern angehört werden müssen.

Präfiguration bedeutet auch:

  • Lernen voneinander
  • Konflikte nicht vermeiden, sondern bearbeiten
  • Unterschiede ernst nehmen, statt sie glattzubügeln

Erfahrbare Utopien im Kleinen

Utopie zeigt sich für Thomas nicht als großer Entwurf, sondern in konkreten Momenten:

  • solidarisches Handeln bei Protesten
  • gemeinsames Entscheiden in Hausprojekten
  • Care-Arbeit, Essen verteilen, füreinander sorgen
  • generationenübergreifendes, inklusives Zusammenleben

Diese Erfahrungen sind reale Utopien. Präfiguration versucht, genau diese Momente zu reflektieren und daraus Theorie zu entwickeln.

Skalierung, Institutionen und offene Fragen

Eine zentrale offene Frage bleibt: Wie lässt sich das skalieren?Wie können präfigurative Praktiken über kleine Gruppen hinaus wirken, ohne wieder autoritär zu werden?

Staatliche Institutionen, Repression, Machtfragen – all das bleibt ungelöst. Präfiguration gibt darauf keine fertigen Antworten, sondern hält den Prozess bewusst offen.

 

 

2. Februar 2026

Neues Jahr, neues Ich?

von Marilena 4. Januar 2026

Zum Jahresanfang sind sie überall: Neujahrsvorsätze. Und gleichzeitig wirken sie auf viele von uns abgenutzt, moralisch aufgeladen oder wie ein weiterer Akt der Selbstoptimierung.

In dieser Folge frage ich mich, warum wir ausgerechnet am 1. Januar neu anfangen wollen – und woher dieses Ritual eigentlich kommt. Ich spreche über den psychologischen Fresh-Start-Effekt, über die Geschichte der Neujahrsvorsätze und darüber, warum so viele von ihnen scheitern.

Gleichzeitig geht es um philosophische und feministische Kritik an Vorsätzen: Um Selbstoptimierung, Care und die Frage, können Vorsätze auch solidarischer und weniger leistungsorientiert sein?

Shownotes

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► sinneswandel.art

► Nietzsche: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben (1874)
► Sartre: Das Sein und das Nichts (1943)
► Byung-Chul Han: Müdigkeitsgesellschaft (2010)
► Sara Ahmed: Das Glücksversprechen. Eine feministische Kulturkritik (2010)
► YouTube: An ethic of care: a conversation with Joan Tronto
► TikTok: laurenwiltse
► Forsa-Umfrage der DAK Gesundheit zu Vorsätzen für 2026
► National Geographic: New Year’s resolutions aren’t a fad—they have endured for thousands of years
► YouTube: Interview mit Katy Milkman
► Langzeitstudie der Universität Scranton zu Neujahresvorsätzen (2021)


Hi und herzlich willkommen im Sinneswandel Podcast. Ich bin Marilena und ich freue mich, dass ihr heute dabei seid.

TikTok: “Jedes Neujahr schreiben mein Fiancé und ich unsere großen Ziele auf Champagner-Botteln und drücken sie, wenn wir das Ziel erreicht haben. Es ist so ein lustiger Weg, uns gegenseitig accountable zu halten und unsere Gewinne über die Jahre zu feiern.”

Und damit: Happy New Year. Ich weiß nicht, ob eure Neujahrsvorsätze oder Routinen auch so aussehen wie bei diesem Couple, das ich auf TikTok gefunden habe. Aber ich erinnere mich auf jeden Fall noch extrem gut daran, dass früher, als ich im Fitnessstudio angemeldet war, es im Januar immer brechend voll war, weil alle ihre guten Vorsätze hatten. Und dann hat es nicht lange gedauert – nach ein, zwei Wochen war der Laden wieder leer.

Zwischen Selbstoptimierung und ehrlicher Selbstreflexion

Einerseits ist das Thema Neujahrsvorsätze ein bisschen abgedroschen, weil es auch irgendwie verpönt ist. Neujahrsvorsätze gelten schnell als Selbstoptimierung, als etwas, das man sowieso nicht durchzieht.

Und andererseits habe ich gedacht: Eigentlich ist es doch auch total schön. Wann nimmt man sich sonst bewusst die Zeit, zu reflektieren? Sich zu fragen: Wer möchte ich eigentlich sein? Wie war mein letztes Jahr? Was tat mir gut, was nicht? Was möchte ich verändern?

Natürlich ist es sinnvoll, sich solche Fragen nicht nur einmal im Jahr zu stellen. Aber ich mache das inzwischen seit 2018 so, dass ich mir zum 31. Dezember ein paar Reflexionsfragen stelle – gar nicht so sehr mit dem Fokus auf Veränderung, sondern eher darauf, was eigentlich alles passiert ist. Mir tut das ziemlich gut.

Dieses Jahr habe ich mir zum ersten Mal sogar einen kleinen Brief geschrieben, den ich nächstes Jahr lesen werde. Digital zwar, aber trotzdem. Und genau daraus ist die Idee für diese Podcastfolge entstanden.

Was Menschen sich wirklich wünschen: Ergebnisse der Forsa-Umfrage

Ich bin auf eine aktuelle Forsa-Umfrage zu Neujahrsvorsätzen gestoßen. Und die fand ich ziemlich interessant. Der Großteil der Menschen wünscht sich mehr Zeit für Familie, Freund*innen und für sich selbst, weniger Stress und mehr Sport.

Mein erster Gedanke war: Okay, Lösungsvorschlag – Kapitalismus abschaffen. Dann wären viele Probleme vielleicht gelöst. Aber so einfach ist es natürlich nicht.

Ich selbst habe übrigens keine klassischen Neujahrsvorsätze. Ich mache gerade Dry January, wie jedes Jahr. Das fühlt sich für mich eher wie eine Art Entgiftungsmaßnahme an als wie ein Vorsatz.

Und trotzdem habe ich mich gefragt: Woher kommen Neujahrsvorsätze eigentlich? Warum machen wir das? Warum ausgerechnet am 1. Januar – und wie sinnvoll ist das alles überhaupt?

Woher Neujahrsvorsätze kommen: Ein historischer Blick

Ich habe mich ein bisschen eingelesen und war überrascht, wie alt Neujahrsvorsätze tatsächlich sind. Schon im alten Babylon, vor rund 4000 Jahren, gab es ein Neujahrsfest. Menschen machten Versprechen – allerdings nicht sich selbst, sondern den Göttern. Und das Ganze fand nicht im Januar statt, sondern im März, zur Aussaat. Also sehr stark an Natur und religiöse Rituale gebunden.

Dass wir heute im Januar Neujahr feiern, geht auf die Römer zurück. Sie verlagerten den Jahresbeginn wegen des Gottes Janus. Janus hat zwei Gesichter: eines blickt zurück, eines nach vorn. Vielleicht kommt daher auch dieses Ritual des Rück- und Vorausblickens.

Aber auch damals ging es noch nicht um Fitness oder Selbstoptimierung. Eher um Opfer, um Gelöbnisse für besseres Verhalten.

Mit der Aufklärung und der Säkularisierung veränderten sich Vorsätze zunehmend. Besonders in der Biedermeierzeit wurden sie privater, bürgerlicher, protestantischer. Es ging um Tugenden wie Mäßigkeit, Fleiß, weniger Trinken und um Familie.

Der Begriff „New Year’s Resolution“ taucht vermutlich erstmals 1813 in einer Bostoner Zeitung auf. Sinngemäß hieß es dort: Viele sündigen im Dezember absichtlich, um im Januar neu zu starten. Auch das fand ich ziemlich aufschlussreich.

Warum Neujahr sich wie ein psychologischer Neustart anfühlt

Warum aber ausgerechnet Neujahr? Theoretisch könnten wir ja jeden Montag oder jeden beliebigen Tag neu anfangen.

Hier kommt der sogenannte Fresh-Start-Effekt ins Spiel. Die Verhaltensökonomin Katy Milkman beschreibt, dass der 1. Januar psychologisch wie ein Neustartknopf funktioniert.

„People are naturally gravitating towards these moments that feel like fresh starts in order to make change.“

Unser Gehirn liebt solche Schwellenmomente. Sie geben uns das Gefühl: Jetzt beginnt etwas Neues. Jetzt kann ich mich committen. Jetzt entwerfe ich ein neues Ich.

Ich kenne das auch aus meinem eigenen Leben. An meinem letzten Geburtstag – auch so ein Schwellenmoment – habe ich aufgehört zu rauchen. Ich habe vorher nie viel geraucht, aber immer mal wieder. Und dann habe ich gesagt: Jetzt reicht’s. Und bisher funktioniert das erstaunlich gut.

Vorsätze setzen übrigens Dopamin frei. Schon die Vorstellung eines besseren, zukünftigen Ichs fühlt sich gut an. Gleichzeitig erzeugen Vorsätze aber auch Druck. Die Angst zu scheitern kann lähmend sein.

Warum so viele Vorsätze scheitern

Es gibt eine Langzeitstudie der Universität Scranton in den USA. Laut ihr halten nur etwa 8 Prozent der Menschen ihre Neujahrsvorsätze über ein ganzes Jahr durch. Rund 80 Prozent brechen sie bis Februar ab.

Es gibt sogar einen bestimmten Tag, an dem besonders viele aufgeben: den sogenannten Quitters Day. Der ist am 9. Januar. Dann holt uns der Alltag ein. Arbeit, Familie, Verpflichtungen. Und neue Gewohnheiten brauchen im Schnitt 66 Tage, um sich zu verankern. Zu diesem Zeitpunkt sehen wir meist noch keine Ergebnisse – das macht es so schwer.

Also: Brauchen wir überhaupt Vorsätze, um uns zu verändern?

Philosophische Zweifel: Kann man sich selbst etwas versprechen?

Philosophisch betrachtet ist ein Vorsatz erst einmal ein Versprechen an ein zukünftiges Selbst, das es noch gar nicht gibt. Daraus ergeben sich spannende Fragen: Bleibe ich derselbe Mensch? Kann ich mir etwas für eine Zukunft versprechen, deren Kontext ich noch gar nicht kenne?

Nietzsche betont, dass Versprechen immer riskant sind. Niemand kann für immer etwas garantieren. Wir haben keine vollständige Kontrolle über die Zukunft – und genau darin liegt die Überforderung.

Existenzialisten wie Sartre würden fragen, ob Neujahrsvorsätze nicht auch eine Form der Selbsttäuschung sind. Einerseits können sie Ausdruck radikaler Freiheit sein: Ich entwerfe mich neu, übernehme Verantwortung. Andererseits verschieben sie Veränderung symbolisch auf einen magischen Zeitpunkt, um im Hier und Jetzt nicht handeln zu müssen.

Byung-Chul Han habe ich hier schon öfter erwähnt. Er kritisiert, dass wir in der Leistungsgesellschaft unsere eigenen Wünsche kaum noch von Leistungsnormen trennen können. Dass wir permanent unter Optimierungsdruck stehen – oft, ohne es bewusst zu merken.

Ich habe mich gefragt, ob Vorsätze deshalb immer nach Hustle klingen müssen. Oder ob es auch andere Arten gibt, sich etwas vorzunehmen?!

Feministische Perspektiven auf Selbstfürsorge

In der feministischen Theorie gibt es dazu spannende Gegenentwürfe. Die Kulturwissenschaftlerin Sara Ahmed etwa sagt: Dieses „Sei glücklich, arbeite an dir“ ist oft gar kein freier Wunsch, sondern eine moralische Pflicht. Wer da nicht mitmacht, wer nicht strahlt oder sich optimiert, gilt schnell als Spielverderberin – als sogenannte Feminist Killjoy.

Ahmed schlägt deshalb so etwas wie eine Killjoy Solidarity vor: bewusst nicht mitzuspielen. Sich gemeinsam gegen diese Optimierungslogik zu stellen. Das ist natürlich leichter gesagt als getan, weil wir ja alle in diesen Strukturen leben.

Auch in der Care-Ethik wird Arbeit an sich selbst anders gedacht – relationaler. Wir sind keine isolierten Individuen, sondern Knoten in Beziehungen. Die Politikwissenschaftlerin Joan Tronto bringt das sehr klar auf den Punkt. Sie spricht darüber, dass Menschen ständig geben und nehmen, oft ohne es überhaupt wahrzunehmen – und dass Care vor allem dann sichtbar wird, wenn man privilegiert genug ist, sie vermeiden zu können.

Und daraus folgt für sie etwas Politisches: Care nicht nur als private Selbstsorge zu sehen, sondern als Grundlage von Beziehungen, von Pflege – und letztlich auch von Demokratie.

Persönlicher Ausblick: Wünsche statt Vorsatz

Ich nehme mir für dieses Jahr keine klassischen Neujahrsvorsätze vor. Aber es gibt Dinge, auf die ich Lust habe. Ich möchte mich wieder ehrenamtlich engagieren – in einer Grundschule vorlesen, in einem Pflegeheim, vielleicht in einer Küche für Bedürftige.

Ich hätte auch Lust, wieder Theater zu spielen. Etwas Spielerisches zu tun, jenseits von Performance-Logik.

Mich interessiert, wie es euch geht: Habt ihr Neujahrsvorsätze? Oder seid ihr eher Feminist Killjoys? Schreibt mir gern. Per Mail, auf Instagram oder wo auch immer ihr mögt.

Kommt gut ins neue Jahr. Wir hören uns ganz bald wieder.

4. Januar 2026

Alles wird anders – und jetzt?

von Marilena 23. Dezember 2025

Es ist die letzte Folge des Jahres, und ich spüre diese diffuse Erschöpfung, die viele von uns gerade kennen. In dieser Episode reflektiere ich über Wandel als kollektive Erfahrung: die Beschleunigung unseres Alltags, die Unsicherheit in Politik, Klima, Wirtschaft und Technologie, und das Gefühl, dass sich in den letzten Jahren alles verdichtet hat. 

Ich spreche darüber, wie wir mit Wandel [besser] umgehen können – Gleichzeitig hinterfrage ich die Idee, dass wir einfach nur resilienter werden müssen. Eine wichtige Rolle spielt dabei der Soziologe Zygmunt Bauman und seine Idee der „flüssigen Moderne“. Und die Frage, ob Wandel nicht nur etwas ist, das wir “aushalten” müssen – sondern etwas, das wir auch gemeinsam gestalten können.

Shownotes

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► Zygmunt Bauman (2000): Flüchtige Moderne, Suhrkamp
► Deutsche Psychologen Akademie: Die Kunst der Resilienz – Wege zur inneren Widerstandsfähigkeit
► HCU (2024): Community resilience: transformative capacity as driver for social cohesion and sustainable development
► Transition Initiativen: Was ist eine Transition Town Initiative?
► Frontiers in Ecology and the Environment (2003): Response Diversity, Ecosystem Change, and Resilience
► Bertelsmann (2013): Gestaltungsräume im Zeitalter der Komplexität


Jahresende als Zäsur: Zwischen Rückblick und Erschöpfung

Hi und herzlich willkommen im Sinneswandel Podcast. Ich bin Marilena und ich freue mich, dass ihr heute dabei seid.

Wow, ich kann irgendwie noch gar nicht so richtig fassen, dass das jetzt tatsächlich die allerletzte Folge des Jahres sein wird und dass dieses Jahr überhaupt vorbei ist. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber die letzten Monate sind irgendwie einfach total schnell gerannt und entsprechend bin ich ganz schön erschöpft. Und das liegt nicht nur daran, dass ich die letzten Wochen krank im Bett lag, wie man vielleicht noch an meiner Nase hören kann oder an meiner Stimme, eher gesagt. Ich klinge noch so ein bisschen, als würde ich mir die Nase zuhalten, aber keine Sorge, ich bin auf jeden Fall wieder gesund. Sonst würde ich nicht hier vor dem Mikro sitzen.

Aber ja, es war ein ganz schön anstrengendes Jahr. Einige von euch wissen, dass ich gerade noch mal in einer Ausbildungssituation bin. Ich mache ein Volontariat, und auch das hat natürlich unfassbar viele Veränderungen mit sich gebracht. Und mit Veränderungen umzugehen, ist manchmal gar nicht so einfach. Auch wenn man sie selbst wählt, weiß man ja manchmal trotzdem nicht, was da alles auf einen zukommt. Das spüre ich jetzt so am Ende des Jahres. Ich bin wahnsinnig froh, an dem Punkt zu sein, wo ich jetzt bin, weil sich vieles in diesem Jahr auch zum Positiven gewandelt hat.

Ein Freund von mir meinte letztens in einer kleinen Geburtstagsrede: something feels off. Und nicht nur so inside himself, sondern natürlich auch in der Welt um uns herum ist so viel Wandel, so viel Veränderung, so viel, was passiert an Weltgeschehen, was einen manchmal – mich zumindest – mitnimmt und nach innen transportiert. Und das macht irgendwie was mit einem.


Erschöpfung: Ein Gefühl mit gesellschaftlicher Dimension

Ich habe mich gefragt, ob diese Erschöpfung, die viele von uns wahrnehmen, vielleicht wirklich nur so ein subjektives Gefühl ist oder ob das nicht auch mit vielen gesellschaftlichen Umbrüchen zusammenhängen könnte, die wir gerade erleben.

Bevor ich da aber einsteige, möchte ich auch hier im Podcast ein bisschen was verändern. Keine Sorge, es wird nicht alles anders, so wie der Titel vielleicht mutmaßen lässt, sondern ich möchte den Podcast wieder ein bisschen interaktiver gestalten. Ich würde mich total freuen, wenn um Sinneswandel herum wieder mehr so eine Art Community-Gefühl wächst.

Deswegen habe ich eine kleine Umfrage erstellt und in den Shownotes verlinkt. Die dauert wirklich nicht lange. Es würde mich sehr freuen und mir tatsächlich sehr helfen, wenn ihr Lust habt, die auszufüllen. Dann schauen wir mal, wo die Reise im nächsten Jahr hingeht.


Beschleunigte Gegenwart: Warum sich Wandel heute anders anfühlt

Zurück zur Frage: Ist das eigentlich nur ein subjektives Gefühl, dass die Welt sich immer schneller dreht, sich immer schneller verändert und ich mich ständig anpassen muss? Ich habe mal nachgeschaut, und surprise surprise: Diverse Studien zeigen, dass viele Menschen unsere Gegenwart als beschleunigt, verdichtet und unsicher erleben. Also dass es eben nicht nur ein subjektives „Alles-ist-zu-viel“-Gefühl ist, sondern ziemlich verbreitet.

Natürlich lässt sich das schwer messen, ob die Welt sich metaphorisch gesprochen schneller dreht, weil Wandel und Veränderung wahnsinnig viele Dimensionen haben: technologisch, politisch, klimatisch, ökonomisch.

Aber man kann schon sagen, dass sich in mehreren Bereichen die Geschwindigkeit und Dichte von Veränderungen in den letzten 25 Jahren deutlich erhöht hat. Wenn man allein auf die Technik schaut: In den 2000ern hatten wir MP3-Player, ziemlich klobige Handys, wahrscheinlich noch nicht mal mit Farbe. Es gab kein Instagram, kein TikTok und erst recht kein ChatGPT. Allein auf dieser technologischen Ebene hat sich die Geschwindigkeit von Wandel massiv erhöht.


Mit Veränderung umgehen: Psychologische Perspektiven auf Resilienz

Ich habe mir angeschaut, was die Psychologie dazu sagt, wie Menschen mit Veränderungen umgehen können, beziehungsweise was Menschen auszeichnet, die gut mit Veränderungen klarkommen. Dabei bin ich auf fünf Eigenschaften gestoßen.

Erstens: psychische Flexibilität und Offenheit. Also die Fähigkeit, Strategien zu wechseln, wenn etwas nicht mehr passt oder sich nicht mehr richtig anfühlt.

Zweitens: Akzeptanz statt Vermeidung. Gefühle nicht wegzudrücken, sondern aushalten zu können.

Drittens – und das finde ich fast am schwierigsten: Selbstmitgefühl statt Selbstkritik. Wenn man merkt, dass etwas nicht funktioniert, nicht sofort bei sich selbst anzuklagen, sondern erst mal freundlich mit sich zu bleiben.

Viertens: realistischer Optimismus. Nicht naiv, sondern lösungsorientiert.

Und fünftens: soziale Einbettung. Das finde ich besonders spannend, weil ich gemerkt habe, dass mir persönlich Menschen um mich herum am meisten helfen, mit Veränderungen umzugehen.


Resilienz als individuelle Aufgabe – und ihre Grenzen

Wenn wir über Veränderungen und Unsicherheit sprechen, landet der Diskurs sehr schnell bei individueller Anpassung: Wie kann ich resilienter werden? Wie kann ich mich besser organisieren? Wie kann ich meine Emotionen regulieren?

Das ist nicht falsch. Innere Ressourcen sind wichtig. Aber irgendwann kam mir die Frage: Welche Rolle spielt eigentlich die Welt und die Gesellschaft, in der wir leben? Was heißt es, gut mit Veränderung umzugehen, wenn sie nicht nur selbst gewählt ist, sondern strukturell produziert wird?


Zygmunt Bauman und seine Diagnose der „flüssigen Moderne“

Einer, der sich genau mit dieser Frage beschäftigt hat, ist der polnisch-britische Soziologe und Philosoph Zygmunt Bauman. Ich habe im Studium ein Essay von ihm gelesen, das mich nachhaltig beeindruckt hat.

Bauman wird 1925 als polnischer Jude geboren, flieht vor den Nazis in die Sowjetunion, kämpft im Krieg, emigriert später nach Israel und dann nach Großbritannien. Sein Leben ist geprägt von Brüchen, Verlust und Neuanfängen – was ihn vermutlich besonders sensibel für Unsicherheit gemacht hat.

Sein bekanntestes Werk ist Liquid Modernity, erschienen vor etwa 25 Jahren – und trotzdem erstaunlich aktuell.


Veränderung und der Verlust kollektiver Sicherheiten

Baumans zentrale These: Unsere Gesellschaft hat ihre festen Formen verloren. Dinge, die früher stabil waren – Arbeit, Beziehungen, Lebenswege – sind heute flexibler, aber auch unsicherer. Institutionen lösen sich auf, klare Lebensläufe verschwinden, Zugehörigkeiten werden brüchig.

Das bringt mehr Freiheit. Gleichzeitig verschiebt sich die Verantwortung für das Zurechtkommen fast komplett auf das Individuum. Wir sollen flexibel, resilient und leistungsfähig sein. Wenn Veränderung schwerfällt, gilt das schnell als persönliches Versagen. Strukturelle Ursachen wie Prekarität oder Ungleichheit geraten aus dem Blick.

Auch kollektive Sicherheiten verlieren an Bedeutung, etwa Gewerkschaften. Zugehörigkeit entsteht weniger über Gemeinschaft, sondern über Konsum, Marken und Lebensstile. Wer mithalten kann, gehört dazu – wer nicht, fällt raus.


Transformative Resilienz: Wandel nicht nur bewältigen, sondern gestalten

Bauman ist kein Kulturpessimist. Er sieht in der flüchtigen Moderne auch Potenzial: für Kreativität, Innovation und neue Formen von Freiheit. Aber das hängt nicht nur von individuellen Fähigkeiten ab, sondern vor allem von den Strukturen, in denen wir leben.

Auf Unsicherheit kann man unterschiedlich reagieren: sich abhärten, ins Private zurückziehen – oder eine andere Frage stellen: Was wäre, wenn nicht nur Einzelne belastbarer werden müssten, sondern auch Gemeinschaften fair und fürsorglich mit Wandel umgehen?

Hier setzt das an, was oft transformative Resilienz genannt wird: Gesellschaften sollen nicht nur Schocks aushalten, sondern ungerechte Strukturen aktiv verändern.


Gemeinschaftliche Antworten auf Unsicherheit: Transition Towns und lokale Netzwerke

Transformative Gesellschaften erwarten nicht einfach Anpassung, sondern schaffen Bedingungen, die Wandel abfedern: soziale Sicherung, Teilhabe, Zeit, Räume und Unterstützung.

Spannend finde ich, dass Resilienzforschung immer wieder zeigt: Wandelfähige Gesellschaften setzen auf Vielfalt, Selbstorganisation und starke lokale Netzwerke.

Ein Beispiel sind die Transition Towns. Ursprünglich aus Großbritannien, inzwischen auch in vielen deutschen Städten. Nachbar*innen schließen sich zusammen, es entstehen gemeinschaftliche Gärten, lokale Energieprojekte, Skillsharing. Ziel ist es, Abhängigkeiten von globalen Märkten und Krisen zu reduzieren.


Response Diversity und Präfiguration: Gesellschaft im Kleinen erproben

In der Resilienzforschung gibt es dafür den Begriff Response Diversity: Je vielfältiger die Antworten einer Gemeinschaft, desto besser kann sie mit unerwarteten Veränderungen umgehen.

Solche Communities sind keine perfekten Utopien, sondern laufende Experimente. In der Politikwissenschaft nennt man das Präfiguration: im Kleinen schon heute das leben, was man sich gesellschaftlich für morgen wünscht.

Darüber spreche ich ausführlicher in einer nächsten Laut-gedacht-Folge.


Sinneswandel Umfrage

Zum Schluss möchte ich mich wirklich von Herzen bedanken. Es bedeutet mir unglaublich viel, dass ihr diesen Podcast hört und dass es Menschen gibt, die mich seit Jahren supporten – über Steady oder PayPal.

Das hilft mir nicht nur finanziell, sondern macht diese Arbeit überhaupt möglich. Ich hatte Anfang des Jahres eine große kreative Krise, aber gerade macht mir Sinneswandel wieder sehr viel Spaß. Ich habe große Lust, diesen Podcast wieder stärker als etwas Kollektives zu denken.

Wenn ihr Lust habt, füllt gerne die Umfrage aus, die in den Shownotes verlinkt ist. Und falls ihr mir ein kleines Weihnachtsgeschenk machen wollt, könnt ihr auf Steady eine Mitgliedschaft abschließen.

Ich wünsche euch einen schönen Jahresausklang. Wir hören uns im nächsten Jahr.

 

23. Dezember 2025

Laut gedacht: Bin ich jetzt alt?

von Marilena 9. Dezember 2025

Was bedeutet es eigentlich erwachsen zu sein? Diese Frage treibt mich – wie viele Millennials – schon eine ganze Weile um. Ich bin Anfang/Mitte 30, aber oft fühlt sich mein Leben eher nach einem ewigen „Dazwischen“ an.

In dieser „Laut gedacht“-Folge spreche ich mit meiner Freundin Denise darüber, wie es ist, als Millennial groß geworden zu sein: mit MTV, Myspace, Röhrenjeans und Klapphandys – und gleichzeitig in einer Arbeitswelt zu landen, die von Unsicherheit, Prekarität und dauerndem Wandel geprägt ist. Wir sprechen über das Erwachsenwerden, Quarterlife-Crisis, Generation Y vs. Generation Z, über Nostalgie, Selbstzweifel und darüber, warum so viele von uns sich nicht wirklich „angekommen“ fühlen.

Und wir fragen uns: Muss Erwachsensein überhaupt bedeuten, einen klaren Lebensplan zu haben? Oder geht es eher darum, mit Veränderung leben zu lernen?

Shownotes

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Intro

Hi und herzlich willkommen im Sinneswandel Podcast. Ich bin Marilena und ich freue mich, dass ihr heute dabei seid.

Ich war vor kurzem auf einer Party. Und als ich mich umgesehen habe, ist mir bewusst geworden, dass ich mit Abstand die älteste bin. Und gleichzeitig fühle ich mich mit Anfang-Mitte 30 oft überhaupt nicht erwachsen. Ich meine, wann ist man überhaupt erwachsen? Und bedeutet das wirklich irgendwo anzukommen? Vielleicht kennt ihr dieses Dazwischen-Gefühl ja auch…?! 

Genau darüber spreche ich heute mit meiner Freundin Denise. Sie ist, wie ich Millennial, also mit MTV, Röhrenjeans und myspace aufgewachsen. Vielleicht kennen einige von euch Denise auch von ihrem Podcast „Sind wir endlich da?“ — falls nicht: hört da unbedingt mal rein. 

Bevor wir die Zeitreise beginnen, möchte ich noch kurz was Persönliches loswerden: Einige von euch unterstützen mich und meine Arbeit hier schon seit Jahren — als Steady-Mitglieder oder über Paypal. Und ohne euch würde es diesen Podcast schlicht nicht geben. Also vielen Dank – das bedeutet mir wirklich viel. Und, wenn ihr auch Lust habt, mich zu unterstützen, würde ich mich sehr freuen. Die Links findet ihr wie immer in den Shownotes.


Begrüßung

Marilena: Hallo Denise, herzlich willkommen hier. Schön, dass du heute im Sinneswandel-Podcast zu Gast bist.

Denise: Dankeschön, ich habe mich sehr über die Einladung gefreut.

Marilena: Wie ist das für dich, so als selber Podcasterin, woanders zu sein, in einem anderen Podcast?

Denise: Ich finde es auf der einen Seite immer so schön, weil man nicht so krass was vorbereiten muss.

Marilena: Denkst du!

Denise: Ja, ich habe natürlich was vorbereitet. Aber da kann man sich manchmal so ein bisschen fallen lassen, in welche Richtung es geht.

Marilena: Stimmt. Ich war lange nicht mehr woanders zu Gast, aber erst mal freue ich mich, dass du heute hier bist. Das hat ja auch zum Beispiel mit Podcasten zu tun, gerade weil ich dich über deinen Podcast gefunden habe, und dadurch ist daraus eine Freundschaft entstanden.

Denise: Ja, richtig schön.


Millennial-Überraschung: Powerade

Marilena: Dein Podcast heißt Sind wir endlich da? Wird es nicht erwachsen sein?, was auch mit Millennial-Sein und Erwachsenwerden zu tun hat. Ich habe dir passend zum Thema eine kleine Überraschung mitgebracht. Augen zu!

Denise: Eine Powerade!

Marilena: Checkst du, warum ich das ausgewählt habe?

Denise: Ja, das ist ein richtiges Millennial-Ding, 2000er: „Ich kaufe mir eine Powerade, um mich nochmal wie 15 zu fühlen.“

Marilena: Lustig ist, dass es jetzt auch ein Neo-Hype der Gen Z ist – auf jeder Party wird plötzlich wieder Powerade getrunken.

Denise: Hahaha.

Marilena: Denise hat zwei Powerades in der Hand: die klassische blaue Variante und eine neuere gelbe.

Denise: Ich nehme die blaue, die wollte ich als Kind immer. Ja, es ist auch wieder ein Saugverschluss.

Marilena & Denise: Cheers!

Denise: Das schmeckt für mich wie Freibad, nicht nach Chlor, sondern dieses Freibadgefühl.

Marilena: Genau das Spannende: Gerüche und Geschmäcker lösen Erinnerungen aus und versetzen uns in eine andere Zeit.


Millennial-Wortassoziationen

Marilena: Jetzt zur zweiten Tradition von Laut gedacht: Wir zählen von drei runter und sagen das erste Wort, das uns zu Millennial-Sein einfällt.

Denise: Ja.

Marilena: Drei, zwei, eins. Klapphandy.

Denise: Cringe.

Marilena: Also für dich ist Millennial-Sein cringe?

Denise: Für mich persönlich eher nicht, aber Gen Z findet uns cringe. Es gibt das Wort cheugy: wenn Millennials sich so anziehen wie in ihrer Jugend, zum Beispiel Y2K-Mode. Alles, was danach kam, wie Polka-Dots oder Indie-Sleaze, galt als cringe. Auch Röhrenjeans sind für Gen Z teilweise noch cringe.

Marilena: Hast du noch Röhrenjeans?

Denise: Ja, zwei Stück. Eine 7/8-Röhrenjeans mit Leomuster – die kann ich nicht weggeben.

Marilena: Ich wünschte manchmal, ich hätte mehr Sachen von früher aufbewahrt: Indie-Phase, Konzerte, Skaten, Kreolen.

Denise: Meine Mutter hat auch vieles weggeschmissen. Ich bin selbst Minimalistin, aber manchmal denke ich, vielleicht sollten Kinder später alte Sachen noch sehen.


Serien, Handys und Nostalgie

Marilena: Klapphandys erinnern mich auch an Serien wie OC California.

Denise: Ganz große Liebe. Die Serie hat meinen Musikgeschmack geprägt.

Marilena: Ich hatte das Handyspiel von OC California, auch wenn ich die Serie nicht geschaut habe. Serien wie Scrubs oder How I Met Your Mother sind mittlerweile schlecht gealtert.

Denise: Ja, besonders How I Met Your Mother wirkt extrem problematisch heute.


Millennials: Sinnsuche und Realität

Marilena spricht über Millennials (1980–1996) und die Wahrnehmung ihrer Generation: sinnsuche im Job, Selbstreflexion, Streben nach Sicherheit, gleichzeitig oft strukturelle Unsicherheiten durch Finanzkrise und prekäre Arbeitsverhältnisse.

Marilena: Urban Dictionary beschreibt Millennials als: „No House, No Money, just avocado.“

Denise: Sehr treffend.

Marilena: Siehst du dich darin wieder?

Denise: Teilweise, ja. Kein Haus, kein Geld, manchmal Avocado.


Erwachsenwerden: Erwartungen vs. Realität

Denise: Millennials werden nachgesagt, dass sie nicht erwachsen werden wollen. Gen Z blickt teilweise herab: „Werdet einfach erwachsen.“ Ich frage mich selbst oft: Bin ich überhaupt erwachsen?

Marilena: Ich habe zwei Lehrereltern, bin gewissenhaft, aber Erwachsensein verbinde ich nicht unbedingt mit Geld, Arbeit, Kinder oder Eigentum.

Denise: Früher dachte ich, Kinder definieren Erwachsensein. Heute sehe ich, dass man nie alles wissen kann, oft nur „Fake-It-Till-You-Make-It“.

Marilena: Mit Anfang/Mitte 30 in einer Ausbildung und wenig Geld – trotzdem okay. Millennials sind mit Visionen groß geworden: Du kannst alles schaffen, wenn du willst.

Denise: Die Gen Z erlebt aktuell oft weniger klassische Quarterlife-Crisis, aber die Herausforderungen sind ernster.


Generationenkonflikte

Marilena: Generationsstereotype: Boomer, Gen X, Gen Y, Gen Z – alle werden kritisiert. Millennials arbeiten für Work-Life-Balance, Gen Z diskutiert 4-Tage-Woche. Jede Generation verändert die Arbeitswelt.

Denise: Früher hieß es bei Boomer: Arbeit durchziehen, jetzt verändert sich vieles.

Marilena: Millennials verdienen real weniger trotz höherer Bildung, geprägt durch Finanzkrise und unbezahlte Praktika.


Alltag und Altersbewusstsein

Denise: Ich spüre, dass Eltern älter werden, Krankheit zeigt die eigene Verwundbarkeit. Auf Partys merke ich manchmal: Ich bin die Älteste.

Marilena: Ich auch – auf einer Party mit Freundinnen zehn Jahre jünger. Aber man muss sich nicht verstellen, Freunde mögen einen so, wie man ist.


Gelassenheit als Erwachsenwerden

Marilena: Wie definierst du Erwachsenwerden?

Denise: Für mich ist es Gelassenheit. Man kennt sich selbst, andere Menschen und kann entspannt reagieren.

Marilena: Ich mag „Erwachsen“ nicht als Begriff – eher „das Leben ist ein Erwachsenwerden“. Ein Prozess, kein Ziel.

Denise: Genau. Auch meinem 16-jährigen Ich würde ich raten: Stress dich nicht so, du bist okay.

Marilena: Treffen wir uns in zehn Jahren wieder, hören die Folge und reflektieren nochmal.

Denise: Abgemacht! Prost auf den Powerade!


Outro

Danke, dass ihr mit uns in diese Millennial-Welt eingetaucht seid. Mich würde wirklich interessieren: Fühlt ihr euch eigentlich erwachsen? Oder habt ihr auch dieses typische Dazwischen-Gefühl? Schreibt mir gerne auf Instagram oder auf Spotify. Und wenn euch das Gespräch gefallen hat, teilt es gerne mit einer Millennial-Freundin. Das war’s von mir. Bis zum nächsten Mal – im Sinneswandel Podcast.

9. Dezember 2025

Labubus, Matcha Latte – Wieso wird etwas zum Hype?

von Marilena 20. November 2025

Labubus, Matcha, Dubai-Schokolade – gefühlt entsteht jede Woche ein neuer Hype. Dinge, die plötzlich überall sind und genauso schnell wieder verschwinden. Ich frage mich: Was macht etwas überhaupt zum Hype? Und was sagt diese kollektive Begeisterung über unsere Gegenwart aus?

Shownotes

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► Annekathrin Kohout auf Instagram
► Georg Simmel (1905): Theorie der Mode
► Andreas Reckwitz (2017): Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Suhrkamp
► taz (2025): Labus: Das steckt hinter dem Hype
► Spekturm.de: mere-exposure-Effekt

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Hi und herzlich willkommen im Sinneswandel Podcast. Ich bin Marilena und ich freue mich, dass ihr heute dabei seid.

TikTok-Compilation: „Wir müssen ganz kurz Real Talk über diese Labubus machen.“ „Dubai-Schokolade war nie einfach nur ein Trend für mich.“ „Seitdem ich in New York war, kann ich nicht aufhören, an diesen einen Iced-Strawberry-Matcha zu denken.“ „Also, ich probier jetzt das erste Mal mit 88 einen Iced-Matsche-Latsche.“

Wenn ich durch Insta oder TikTok scrolle, dann kommt es mir manchmal so vor, als würde die Welt nur noch aus Hypes bestehen. Alles ist irgendwie zwischen Must-Have und okay, jetzt reicht’s auch wieder. Und ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich muss zugeben, ich bin irgendwie gar kein Hype-Mensch. Wenn irgendwas wie Labus oder Matcha oder Dubai-Schokolade gehypt wird, dann bin ich meist erst mal skeptisch, bis zu dem Punkt, wo ich dann doch irgendwann mir denke, okay, ich komme einfach nicht mehr dran vorbei und ich möchte wissen, was es damit auf sich hat.

Und dann probiere ich’s doch. Und in manchen Fällen bin ich dann irgendwie doch am Start. Also ich bin eigentlich so ein klassischer Late Adopter. Lustig finde ich allerdings auch, wenn Dinge plötzlich gehypt werden, die man eigentlich schon total lange macht. Also zum Beispiel habe ich 2014, war es glaube ich, das erste Mal Matcha getrunken. Und zwar eher, weil ich irgendwie gehört habe, dass das so ein bisschen gesünder ist. Ich war damals ein bisschen in meiner Healthy-Yoga-Phase und wollte das mal ausprobieren, fand’s irgendwie auch geschmacklich so okayisch, halt so ein bisschen erdig. Und dann habe ich aber irgendwann, weiß ich nicht, als Studentin war Matcha halt auch irgendwie so way too expensive und dann habe ich irgendwann wieder angefangen, Kaffee zu trinken. Und jetzt seit, ich weiß nicht, ein, zwei Jahren ist Matcha halt plötzlich überall. Also man kommt wirklich gar nicht mehr dran vorbei und natürlich trinke auch ich jetzt wieder gelegentlich meinen Matcha. Also das ist so ein Beispiel.

Und was ich auch interessant finde, warum ich dachte, es lohnt sich irgendwie über das Thema Hype zu sprechen, ist so ein bisschen, wie sich Hypes entwickelt haben. Also natürlich gibt es Hypes schon länger, jetzt nicht erst seit es Insta und TikTok gibt, aber früher war ein Hype auch etwas, das man verpassen konnte, wenn man zum Beispiel nicht rechtzeitig MTV geschaut hat. Und heute, durch vor allem soziale Medien, passieren Hypes ständig überall und vor allem auch in ganz unterschiedlichen Bubbles. Also man kann Hypes natürlich immer noch verpassen, weil man einfach in einer anderen Bubble ist. Und irgendwo anders ist dieser Hype gerade aber riesengroß. Also wenn ich meine Eltern frage, ob sie LaBubus kennen, dann würden sie auf jeden Fall sagen: „Hä, was, LaBubu, was?“ Und deswegen habe ich mich gefragt, was passiert da eigentlich genau, gesellschaftlich, kulturell, vielleicht sogar philosophisch, wenn etwas zum Hype wird?

Bevor wir diese Folge starten, vielleicht noch ganz kurz, wenn ihr meinen Podcast Sinneswandel gerne hört und supporten möchtet, dann könnt ihr das ganz einfach tun. Das geht über Steady oder über Paypal. Und alles dazu findet ihr, wie immer, in den Journals.

Ich habe mal mein digitales Wörterbuch aufgeschlagen und nachgeschaut, wo eigentlich das Wort Hype herkommt. Und ja, wenig überraschend kommt es aus dem Englischen und zwar von Hyperbole, was ja so viel bedeutet wie Übertreibung. Und das ergibt irgendwie auch Sinn, weil Hypes sind oft eben genau das, so eine Art kollektive Übertreibung oder vielleicht sogar so eine Art kollektiver Kurzschluss. Weil es sich erstmal so rein rational gar nicht erklären lässt, warum etwas plötzlich so viel Begeisterung auslöst. Und auf eine Art könnte man sagen, dass Hypes so ein bisschen Zeitgeist, Begehren, aber auch Identität in einem einzigen Objekt oder einem Ritual so ein bisschen zusammen verdichten.

Und es gibt eine Person, eine Kulturwissenschaftlerin, Autorin, der ich schon länger auf Insta folge, Anne-Kathrin Kohut. Und die beschäftigt sich viel mit Popkultur und Trends. Und sie habe ich gefragt, welchem Hype sie zuletzt verfallen ist.

Annekathrin Kohout: „Leichter wäre die Frage zu beantworten, welchen Trends ich nicht verfalle, um ehrlich zu sein. Also, ich habe einen Labu, ich trinke auch sehr gerne Matchalatte und ich verfolge vor allem im Netz die unzähligen lustigen Memes, Reaction-Videos, Trends zu diesen Hypes. Und das ist, glaube ich, auch etwas, das für mich die Qualität heutiger Trends oder Hypes ausmacht. Also, dass der Austausch darüber so kreativ ist, dass meist eben sehr schnell so eine ironische Metaperspektive gefunden wird, die eigentlich viel interessanter und kulturell auch viel wertvoller ist als das bloße Produkt wie der Labubu oder eben der Matchalatte, der ursprünglich den Anlass dafür geboten hat.“

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich finde es total spannend, wie Annekatrin eigentlich den Blick dreht. Also, dass sie sagt, oft ist nicht das Produkt das Interessante, sondern eben die Diskussion und die Memes und alles drumherum, also dieses Popkulturelle. Und ich finde, das stimmt auch total, weil Hypes selbst werden ja eigentlich vor allem dadurch, dass sie kommentiert werden, kulturell aufgeladen. Also dadurch werden sie erst besprochen und bekommen vielleicht auch diesen Hype-Status.

Und Hypes entstehen natürlich auch nicht einfach, weiß ich nicht, in so einem luftleeren Raum, sondern eben oft auch als Reaktion auf gesellschaftliche Veränderungen oder als Ausdruck von unseren Bedürfnissen und von unseren Stimmungen. Es gibt zum Beispiel, habt ihr vielleicht auch schon gelesen, so unzählige Interpretationen, warum diese Labubus, diese kleinen Plüsch-Tiere, die so ein bisschen grumpy aussehen, gerade so gehypt werden. Und zum Beispiel eine Interpretation ist, dass sie so ein bisschen als Trosttier in unsicheren Zeiten gesehen werden oder als Zeichen der Wirtschaftskrise.

Und ich würde sagen, vermutlich trifft alles und nichts so richtig zu. Aber vor allem schaffen Hypes eines, nämlich Dazugehörigkeit. Also gerade in einer ziemlich überkomplexen Welt, in der viele Dinge gleichzeitig passieren, die sich vielleicht auch nicht mehr so gut einordnen lassen, in der wir immer mehr in unseren eigenen Bubbles sind, schaffen Hypes auch so was wie eine Art Gemeinschaftsgefühl, sagt Annekathrin.

Annekathrin Kohout: „Aus der Frühzeit des Internets gibt es ja diese Metapher des sogenannten Lagerfeuers der Nation. Also das waren TV-Sendungen, die wirklich alle gleichzeitig geschaut haben. Und das Besondere war, dass eben jeder mitreden konnte. Und das galt als sehr gemeinschaftsstiftend und auch sehr gemeinschaftsstärkend. Und mit der Netzkultur und insbesondere mit den sozialen Medien hat sich die Art und Weise, wie wir Bilder, Filme, Sendungen oder kulturelle Inhalte aller Art konsumieren, sehr verändert. Es gibt eben immer mehr Inhalte, die in bestimmten Communities sehr bekannt sind, in anderen aber vielleicht sogar völlig unbekannt. Und ich denke, dass popkulturelle Trends hier was kompensieren, also dass sie das neue Lagerfeuer sind.“

Ich finde, das ist irgendwie eine ziemlich lustige Metapher mit dem Lagerfeuer. Ich stelle mir gerade so vor, wie wir ums Lagerfeuer sitzen, Matcha trinken, Dubai-Schokolade essen und, ja, keine Ahnung, halt darüber diskutieren, aber es stimmt ja irgendwie auch so ein bisschen. Hypes geben uns Orientierung, wenn andere vor allem irgendwie etwas begehren, das kennt man ja schon aus Schulzeiten, dann denkt man, okay, dann muss das schon irgendwie gut sein, dann gibt einem das so einen gewissen Social Proof. Und das hat sogar schon der Soziologe Georg Simmel Anfang des 20. Jahrhunderts so ein bisschen ähnlich gesehen. Und zwar hat er gesagt, es geht vor allem bei Mode, also er hat natürlich noch nicht von Hypes gesprochen, immer um ein Zitat Spiel mit Nachahmung und Abgrenzung. Also einerseits wollen wir dazugehören, aber wir wollen auch besonders sein. Und da habe ich mich gefragt, sind Hypes dann nicht irgendwie gerade auch ein total modisches Paradox?

Annekathrin Kohout: „Wir wollen oder sollen einzigartig sein und landen dann gleichzeitig immer in so einer Massenbegeisterung und diese Beobachtung wird dann immer so als Widerspruch dargestellt. Aber es ist schon so, dass die meisten Menschen beides gleichzeitig möchten, also dazugehören und sich eben unterscheiden, mitmachen und es auf individuelle Weise tun. Und das Schöne ist doch, mit Hypes und Trends ist das eigentlich sehr leicht möglich. Also man nehme ein LaBubu und eignet es sich auf die ganz eigene Art und Weise an, macht was ganz Verrücktes, Unerwartetes damit, macht ein Kunstvideo, nutzt ein LaBubu als Voodoo-Puppe gegen den Kapitalismus.“

Ich verstehe total, was Annekathrin sagt und ich möchte auch gar nicht die Person sein, die so miese-peterig mit Hypes ist, weil, wie gesagt, manchmal springe ich dann ja auch doch auf den Zug auf. Aber ich glaube, was mich an Hypes manchmal so irritiert, ist, dass sie so auf mich manchmal so gedankenlos wirken oder auch gerade so dieses Phänomen von, dass sehr viele Menschen plötzlich eine Sache toll finden. Und ich frage mich manchmal, hat das dann wirklich was eben mit dieser einen Sache zu tun oder damit, dass man dabei sein möchte, auch das Gefühl hat, ich muss dabei sein, also so eine gewisse Fomo. Und das ist natürlich so ein bisschen auch ein Kritikpunkt, dass Hypes auch wahnsinnig stressen können, weil sie eben einem das Gefühl geben, wenn ich jetzt nicht dabei bin, dann verpasse ich was, dann gehöre ich eben nicht dazu. Und je schnelllebiger Hypes sind, umso teurer wird das Ganze natürlich auch. Und ja, ratet mal, wer davon profitiert.

Der Kapitalismus, denn der lebt natürlich von Knappheit und von Aufmerksamkeit. Und vor allem sind Hypes so eine Art perfekte Währung, gerade weil sie so eine künstliche Dringlichkeit erzeugen. Und dadurch unterscheiden sie sich auch nochmal in gewisser Weise von Trends, sagt Anne-Kathrin.

Annekathrin Kohout: „Trends brauchen Dauer. Hypes, würde ich sagen, leben eher von der Intensität und in der deutschen Übersetzung bedeutet Hype ja auch so viel wie Wirbel oder Rummel und darin drückt sich für mich schon aus, dass wenn von Hypes die Rede ist, die Idee auch mitschwingt, dass der Erfolg oder die Popularität irgendwie künstlich hergestellt wurde, wohingegen Trends eher als etwas Gewachsenes und als echter Ausdruck von dem Geschmack sehr viele Menschen wahrgenommen haben wird.“

Und dieser Prozess, der verstärkt sich natürlich durch soziale Medien, also durch das Algorithmische, durch Likes, durch Shares. Was auffällt, das wird jetzt auch noch multipliziert. Das nennt sich „Mere-Exposure-Effekt“. Also je öfter Menschen, je öfter wir mit einem Produkt konfrontiert werden, desto positiver bewerten wir das auch. Das zeigen tatsächlich Studien und das passiert sogar meistens unbewusst. Ergo, was einmal viral gegangen ist, das wird quasi sofort marktfähig gemacht. Also Marken, Influencer, die springen auf Hypes auf und ästhetisieren sozusagen das Produkt und schaffen damit so eine Begehrlichkeit, die eigentlich gar nicht dem Produkt entspringt, sondern diesem Gefühl von, das brauche ich jetzt auch.

Und der Soziologe Andreas Reckwitz, den ich glaube ich schon in der letzten, nee vorletzten Folge erwähnt habe, der beschreibt, dass der Kapitalismus sich in den letzten Jahrzehnten vor allem ästhetisiert hat. Also es geht nicht mehr nur um den Besitz von etwas, sondern vor allem auch um die Erfahrungen, den damit verknüpften Lifestyle, also um Identität. Also wir identifizieren uns darüber, dass wir zum Beispiel eben die Person sind, die mit einem Matcha irgendwie in einem Café sitzt.

Und wir konsumieren damit, um uns eben selbst auszudrücken und damit sind Hypes irgendwo auch eine Art kollektive Selbstinszenierung, könnte man sagen. Das Ding ist nur, sobald etwas zu groß, also zu Mainstream wird, verliert es dann ja irgendwie auch schon wieder an Coolness. Also ich glaube, heute redet kaum noch jemand über Dubai-Schokolade und es war halt irgendwie für ein paar Wochen, Monate irgendwie der heiße Scheiß und jetzt ist es halt auch wieder egal. Deswegen braucht der Markt natürlich immer gleich den nächsten Hype.

Annekathrin Kohout: „Was zählt ist eben nicht das Produkt selbst, sondern eben die Aufmerksamkeit, die Sichtbarkeit, der Hype, der darum entsteht. Und wenn man jetzt eine spätkapitalistische Ökonomie so charakterisiert, dass es zwar eben schnelles Wachstum, aber auch eine sehr schnelle Ausschöpfung oder einen Verfall gibt, dann kann man Hypes eigentlich genauso lesen, denn sie erzeugen ja einerseits kurzfristige Aufmerksamkeit, die sofort kapitalisiert wird, bevor sie dann aber eben auch recht schnell wieder verpufft.“

Tja, und so entsteht eine Endlosschleife aus Begeisterung, Überdruss und dann wieder Neubegehren. Vermutlich erzählen Hypes weniger über die Dinge selbst, die gerade gehypt werden, als über unseren Wunsch, dazuzugehören, Teil von etwas zu sein. Und das ist ja eigentlich auch etwas Schönes, aber natürlich geht es auch um die Marktlogik dahinter. Und die hat natürlich nicht nur Vorteile, sei es gesellschaftlich, sozial und natürlich auch ökologisch. Das wäre dann aber wahrscheinlich nochmal eine weitere Folge.

Trotzdem ist und bleiben mir Hypes auch einfach irgendwie suspekt. Ich finde es spannend, aber ich freue mich so ein bisschen wie Anne-Kathrin vor allem an den Memes und an den ganzen Diskussionen darüber. Und es bleibt für mich auch weiterhin ein Rätsel, warum eine bestimmte Sache gehypt wird und eine andere nicht. Und dafür habe ich tatsächlich bisher auch keine logische Erklärung gefunden. Deswegen habe ich Anne-Kathrin einfach mal gefragt, was sie denn glaubt, was vielleicht der nächste Hype sein könnte.

Annekathrin Kohout: „Wäre ich nur ein Orakel. Also ich glaube, das ist echt schwer. Ich glaube, niemand hat den Labubu-Hype vorher gesehen, weil es einfach so viele Faktoren gibt, die da zusammenspielen müssen, damit ein Hype entsteht. Ich würde sagen, es gibt definitiv einen Trend zum Nicht-Digitalen, ja, also von Partys, bei denen man seine Handys vorher abgeben muss. Aber ja, einen Hype weiß ich auch nicht so richtig. Vielleicht ein fancy Eistgetränk für den Klimawandel bedingt viel zu warmen Winter. Also in diese Richtung könnte ich mir, glaube ich, was vorstellen.“

Outro

Offline sein als nächster Hype, das fände ich auf jeden Fall irgendwie cool. Muss ich sagen, ich frage mich nur, wie marktfähig das Ganze ist, also ich bleibe da eher ein bisschen skeptisch. Aber wenn ihr eine Idee habt, was als nächstes gehypt wird, dann schreibt mir das total gerne, entweder an redaktion@sinneswandel.art oder auch über Insta und natürlich auch gerne über welchen Hype ihr zuletzt schwach geworden seid. Ich freue mich, wenn ihr diese Folge auch mit Freundinnen und Freunden teilt oder meine Arbeit unterstützen wollt über Steady oder Paypal, dazu findet ihr alles, wie immer, in den Shownotes. Das war’s von mir, bis zum nächsten Mal, im Sinneswandel Podcast.

20. November 2025

Laut Gedacht: Softness als Widerstand?

von Marilena 10. November 2025

In einer Welt, die auf Leistung, Härte und Resilienz setzt, scheint „soft sein“ fast ein Widerspruch. Aber was, wenn darin gerade eine Form von Widerstand liegt? Mit meinem guten Freund Daniele spreche ich über Verletzlichkeit, Fürsorge und die politische Kraft von Sanftheit.

Shownotes

Macht [einen] Sinneswandel möglich, indem ihr Steady Fördermitglieder werdet. Finanziell unterstützen könnt ihr meine Arbeit auch via Paypal.me/sinneswandelpodcast. Danke.

► Daniele auf Instagram
► Soft System Collective
► Lora Mathis (2015): Radical Softness as a Weapon
► Vice (2025): ‘Soft Clubbing’ Is the New Rave. Literally.

✉ redaktion@sinneswandel.art
► sinneswandel.art


Hi und herzlich willkommen im Sinneswandel Podcast. Ich bin Marilena und ich freue mich, dass ihr heute dabei seid.

Diese Folge ist eine, auf die ich mich schon eine ganze Weile gefreut habe. Eine neue Laut gedacht-Folge. Dafür musste ich allerdings erst ein bisschen Zeit finden – und nach Wolfsburg fahren. Denn dort wohnt Daniele. Ein sehr guter Freund von mir.

Daniele ist jemand, der in allem, was er tut, Tiefe sucht. Er ist Transformationsdesigner, hat das Institut für Zukünfte mitgegründet, liebt guten Kaffee – und findet in fast allem eine Frage, über die es sich lohnt, länger nachzudenken.

Und es gibt ein Wort, dass ich irgendwie auch ein bisschen mit Daniele verbinde – weil es immer wieder auftaucht: Softness. Und genau deshalb sprechen wir heute darüber – oder vielmehr denken gemeinsam laut nach.

Marilena: Herzlich willkommen, Daniele, hier im Sinneswandel-Podcast. Es ist längst überfällig und eigentlich muss ich eher sagen, danke, dass ich bei dir sein darf, hier in deinem Zuhause und in Wobbi.

Daniele: Ja, voll gerne, dass du hier sein darfst und es fühlt sich richtig funny an, weil du bist zwar mein Zuhause, aber dein Podcast ist ja irgendwie dein Zuhause, also irgendwie sind wir bei uns jeweils Zuhause, was irgendwie richtig süß ist.

Marilena: Oh ja, stimmt, total. Und irgendwie habe ich das Gefühl, also ich meine, wir haben uns jetzt nicht direkt über den Podcast kennengelernt, aber ich finde, er war schon, glaube ich, ja so ein bisschen ein Anhaltspunkt dafür, dass wir uns überhaupt, dass wir überhaupt Freunde geworden sind so ein bisschen.

Daniele: Ich würde glaube sagen, es ist mit der Grund gewesen, so dass wir uns für ähnliche Themen interessiert haben und dann quasi der Podcast das verbunden hat. Und ja, ich meine, das ist noch ein langer Weg zwischendurch, man hat irgendwie gleiche Interessen und lebt in unterschiedlichen Städten, aber ich glaube, dass der Podcast eine große Rolle dabei gespielt hat, ja.

Marilena: Ja, und ich find’s auch sehr lustig, als ich überlegt habe, wieder diese Laut-Gedacht-Folgen zu starten, war ich so, warst du wirklich so mit die erste Person, die mir eingefallen ist, weil ich dachte so, okay, wenn es eine Person gibt, neben David, der ja schon zu Gast war, mit der ich auch wahnsinnig gerne gemeinsam laut nachdenke, dann bist du das auf jeden Fall.

Daniele: Ja, voll cool. Ich freu mich auch.

Marilena: Bevor wir loslegen, dieses Format hat ja so ein bisschen einen kleinen Signature-Kern und zwar bringe ich immer eine kleine Überraschung mit. Du hast leider glaube ich schon ein bisschen ein Gefühl dafür, was es sein könnte, aber das so ein bisschen passend zur Person ist. Und zwar, du musst jetzt einmal die Augen zumachen, und ich drücke dir das einfach mal direkt in die Hand, et voilà.

Daniele: Oh, es ist eine Pistaziencreme.

Marilena: Und was für eine Konsistenz hat die?

Daniele: Sieht sehr soft aus, interessanterweise. Wer hätte das gedacht? Sie sieht aber auch einfach richtig authentisch aus. Ich glaube, sie ist aus Italien.

Marilena: Ja, sie ist aus Kalabrien, aus meinem letzten Urlaub.

Daniele: Irgendwie auch was Schönes, weil ich glaube, Trends kommen und gehen ja, und Pistazien waren ein Trend eine Zeit lang. Aber ich glaube, wir verbinden das mit einer Zeit, bevor es so trendy war, und unserem gemeinsamen Urlaub in Italien vielleicht auch.

Marilena: Und, ich weiß nicht, ob du dich dran erinnerst, das letzte Mal, als ich dich hier in Wolfsburg besucht habe, da saßen wir auf deinem Balkon, es war eine etwas andere Jahreszeit als jetzt. Und ich habe ehrlicherweise deine Pistaziencreme, glaube ich, aufgegessen und deswegen dachte ich, ich habe auch ein bisschen was wieder gutzumachen und deswegen auch dieses Geschenk.

Daniele: Danke.

Marilena: Sehr gerne. Ich erwarte schon, dass wir nachher noch einen Löffel zusammen essen.

Daniele: Es gibt gleich gute Croissants und Pistaziencreme.

Marilena: Ja, sehr gut. Okay, also der perfekte Einstieg zur Softness, würde ich sagen. Und das zweite Ritual von diesem Format ist, dass ich gleich von drei runter zähle und wir dann das erste Wort sagen, was uns zur Softness einfällt. Also einfach, wo wir als allererstes dran denken. Das kann sehr random sein. Okay. Dann würde ich sagen, drei, zwei, eins: Nice.

Daniele: Leitsystem. Was hast du gesagt?

Marilena: Ich habe gesagt, „nice“.

Daniele: Ich hab gesagt, „Leitsystem“.

Marilena: Das ist auch wieder so ein diametraler Unterschied.

Daniele: Es ist super random und es ist das erste, was mir in den Kopf gekommen ist. Unter anderem in meiner Arbeit bin ich Teil eines Kollektivs, dem Soft-Systems-Collekcive, und wir planen gerade ein Soft-Gathering. Und eine Person aus der Gruppe hatte die Idee, für den Tag ein softes Leitsystem zu erstellen, was irgendwie so Strukturen verkleidet in so Dinge, die sich soft anfassen oder soft leiten. Was auch immer das bedeutet, das ist mir irgendwie hängengeblieben, weil es so abstrus klang.

Marilena: Okay, wow. Jetzt sind wir natürlich schon mittendrin und jetzt will ich natürlich eigentlich sofort wissen, was es mit dem Soft-System-Collective auf sich hat, weil das passt natürlich total gut. Also, ehrlicherweise, das muss ich jetzt auch zu allen Zuhörenden sagen, ich weiß ein bisschen was von diesem Soft-System-Collective, in dem du drin steckst, Daniele, aber auch noch nicht so viel. Deswegen ist das für mich auch noch recht neu. Aber möchtest du zuerst wissen, was meine Geschichte ist?

Daniele: Ich hätte mir das sonst auch vorgeschlagen, weil man denkt glaube ich für eine Sekunde auch darüber nach, was wird die andere Person sagen und ich wäre wahrscheinlich nicht darauf gekommen, dass du das sagst.

Marilena: Ja, es ist auch wahnsinnig random, weil das erste, was ich mit soft verbinde, ist tatsächlich, ich war 14, im Urlaub in Frankreich, beim Campen mal jemanden kennengelernt und der hat immer statt, also damals war das Wort „nice“ so total beliebt, wenn man irgendwas so cool fand, zumindest in unserer Bubble damals und er hat aber nicht nice gesagt, sondern immer „soft“ und das war halt sein Wort für etwas ist cool und ich war damals tief beeindruckt davon und hab das dann so versucht, in meinem Sprachgebrauch irgendwie aufzunehmen und bin damit dann noch zurück in meine Schule, in meinen Freundeskreis und die waren alle maximal verwirrt, also die haben das irgendwie, die haben soft nicht ganz so gefühlt. Ich hab’s eine Zeit lang noch, glaube ich, weiter versucht zu etablieren, aber irgendwann, irgendwann ist, glaube ich, war dann auch vorbei.

Daniele: Okay, finde ich eine coole Challenge. Vielleicht ist das nach der Aufnahme die erste Sache, die wir versuchen, das wieder in unseren Wortschatz zu bringen.

Marilena: Ja, es würde mich auch eigentlich interessieren, ob diese Person immer noch soft sagt. Ich würde es ihr zutrauen, aber mal gucken, vielleicht erfahre ich es wirklich. Alright, ja, vielleicht ist das auch so ein ganz guter Aufhänger jetzt, um zu fragen, was genau, was du eigentlich so mit Softness verbindest. Und das gibt dir immer so ein bisschen den Grund, warum ich mit einer Person über ein bestimmtes Thema spreche. Und deswegen würde mich eigentlich als allererstes total interessieren, was du so mit Softness, außer dem Leitsystem, damit verbindest.

Daniele: Ich glaube, ich würde sogar noch mal so, also das Soft-Systems-Collective ist, glaube ich, sehr obvious, dass das damit zu tun hat, aber ich glaube, ich würde noch mal einen Schritt zurückgehen und ich glaube, dass Softness insgesamt als ein Thema in mein Leben gekommen ist, auch mit den beiden Personen, mit denen ich das Kollektiv zusammen habe, mit Luisa und Julia. Und dass Softness für mich, glaube ich, auch in meinem persönlichen Leben eine ziemlich große Rolle spielt, im Sinne von so einer Fürsorge für andere, glaube ich, und ich kann, glaube ich, sagen, dass Beziehungen in meinem Leben eine wichtige Rolle spielen. Und dann aber auch so eine Softness und Fürsorge für sich selber, sich selber einzugestehen, dass man vielleicht manchmal härter zu sich selber ist, als man mit anderen Personen ist, und ich glaube, das ist so etwas, was mich beschäftigt, so ganz persönlich. Und ich glaube auch, dass ich versuche jedenfalls, Soft anderen Menschen zu begegnen und das vielleicht so ein Gefühl ist, was ich sowohl in meiner Arbeit als auch so in meinem Leben, wenn ich mit Menschen in Beziehung stehe, schon als wichtig erachte.

Marilena: Es ist auch auf jeden Fall was, was ich total mit dir verbinde, so im Sinne von, so du bist jemand, der für mich auf jeden Fall total so, du bist jemand, der so sehr rational akademisch häufig irgendwie sich in solchen Kreisen bewegt und gleichzeitig aber genau wie du sagst, so diese Softness im Umgang mit Menschen und so einer gewissen, ich weiß, also ich mag das Wort nicht so gern, aber Mindfulness irgendwie hast, die für mich auf jeden Fall sehr besonders in dieser Kombination halt irgendwie ist. Ist das was, was du, was bei dir mal anders war? Also weil gerade wenn ich jetzt, also Softness ist ja auch schon irgendwie in so einer patriarchalen Welt etwas, was eher Frauen zugesprochen wird, so Softness im Sinne von emotionaler Verletzlichkeit, Sensibilität und Männer sind auf gar keinen Fall, also es gibt ja auch sogar als Schimpfwort so, Softie, du bist so ein Softie. Also war das bei dir mal anders, so als Jugendlicher vielleicht auch?

Daniele: Tatsächlich ist das super spannend, glaube ich, weil die Menschen, also so, um jetzt einen kleinen Teaser zu machen zum Soft-Systems-Collective, wir gestalten da aktuell so einen Erfahrungsraum und da ist eine Gruppe an Menschen, die in unterschiedlichen Kontexten Veränderung vorantreibt und die Gruppe nennt sich Softies. Also untereinander, wenn wir uns begegnen, glaube ich. Und ja, bei mir war das mal anders. Ich glaube, ich komme eher, also erstens, glaube ich, leben wir in patriarchalen Strukturen, die irgendwie auch auf mich krassen Einfluss hatten und ich war lange im Leistungssport, wo man, glaube ich, auch sehr viele gute Dinge lernt, so Disziplinen und vielleicht auch mit sich hart zu sein, an Dingen zu arbeiten und so weiter. Und genau, ich glaube, das war dann was, was ich angefangen habe abzulegen oder mir dann auch abzutrainieren, diese Härte, das immer funktionieren müssen, vielleicht auch irgendwie perfekt zu sein in bestimmten Dingen und dann irgendwie einen besseren Zugang auf zu, ja, vielleicht unterschiedlichen Emotionen zu finden. Genau, wie ist das bei dir? Ich glaube, es interessiert mich irgendwie auch so, wie fühlst du dich? Also ich glaube, wenn ich so an unsere Gespräche auch denke, dann sind die oft auch sehr soft und sehr durchlässig und sehr ehrlich. Also ich glaube, das verbinde ich auch mit unserer Verbindung, dass wir, glaube ich, schnell in der Freundschaft eine Tiefe hatten, die vielleicht ungewöhnlich ist für Begegnungen so.

Marilena: Das stimmt. Das stimmt total. Und ja, wie ist das bei mir? Gute Frage. Also, ich glaube, ja, also, mein Gefühl wäre, dass wir alle erstmal irgendwie einfach auf die Welt kommen und eigentlich theoretisch sehr, sehr durchlässig sind. Also, wir sind ja auch erstmal total angewiesen auf irgendwie Menschen um uns herum, Eltern und andere Bezugspersonen. Und dann kommt das Umfeld und das erwartet von einem halt häufig genau das Gegenteil. Und ich muss sagen, so bei mir war das erste Mal, dass ich gemerkt habe, okay, die Art, wie ich bin, ist vielleicht irgendwie nicht gut genug oder kommt irgendwie aus welchen Gründen auch immer nicht so gut an. Und dann wurde aus einer gewissen Durchlässigkeit, einer Softness im Sinne von Ehrlichkeit halt irgendwie eine Mauer oder zumindest habe ich mich dann so ein bisschen abgehärtet halt, vor allem in der Schulzeit, würde ich sagen, weil ich da gemerkt habe, boah, irgendwie, wenn ich hier durchlässig bin, das funktioniert nicht.

Also, super, super schade. Und es hat jetzt erst eine lange Zeit gebraucht, irgendwie, um da wieder mehr auch ein Gefühl für mich selber zu kriegen, würde ich sagen. Also, es hat auf jeden Fall viele, viele Gespräche mit Freunden, mit Therapeutinnen gebraucht. Ja, also das verbinde ich auf jeden Fall auch mit Softness, dass ich wieder mehr Gefühl für mich habe, wer ich bin, wer ich sein möchte, mit mir selber, aber auch im Umgang mit anderen Menschen.

Daniele: Ja, ich finde auch so, als ich darüber nachgedacht habe, dachte ich auch, dass genau das irgendwie spannend ist, Verletzlichkeit und so zuzulassen, auch als männlich gelesene Person. Und dass ja oft dann trotzdem sowas wie Softness als so, wie so Schwäche gesehen wird. Das ist auch irgendwie so ein bisschen absurd. Und ich habe auch das Gefühl, dass für mich persönlich auch so war, als ich glaube ich angefangen habe, da irgendwie mehr Softness, mehr Verletzlichkeit zuzulassen, irgendwie so eine neue innere Klarheit und Stärke eigentlich erst entstanden ist.

Und ich musste auch gerade daran denken, als du das gesagt hast mit so, ah ja, man versucht sich abzuherben nach außen. Da musste ich auch so als Gegenkonzept fast zu so Softness dran denken, dass man in so einer bisschen neoliberalen Vorstellung von Resilienz so auch eher darauf achtet, so richtig hart wie eine Kokosnuss zu sein. Und dann aber am ersten Bericht, irgendwie ist es auch eine kleine Anekdote. Ich habe in meinem Arbeitskontext mit einer Firma zusammengearbeitet, mit Personen, die sich sehr mit dem Thema mentale Gesundheit auseinandersetzen. Und da war so ein Check-in mal die Frage, bist du eine Kokosnuss oder eine Erdnuss?

Marilena: So rein geschmacklich mag ich beides sehr gerne. Bist du eine Kokosnuss oder eher eine Erdnuss? Das ist gar nicht so eine leichte Entscheidung. Aber wahrscheinlich ist eine Erdnuss resilienter, oder? Ja. Weil sie, wahrscheinlich wenn sie runterfällt, ja nicht so schnell bricht, weil sie flexibler in der Schale ist, oder?

Daniele: Ja, ich glaube, die Antwort ist, wir haben das nie so richtig aufgelöst, weil ich glaube, in meiner Arbeit ist das oft auch ein Thema, ich glaube, manchmal mag ich, wenn Leute über Dinge nachdenken und gar nicht eine Antwort bekommen. Das ist auch, glaube ich, so ein bisschen für mich ein Verständnis von Softness, eher mit Ungewissheit einen Umgang zu finden, als sie so wegzudesignen oder so eine Kontrolle zu haben. Und ja, ich glaube, das wird nur aufgelöst mit der Frage: Was passiert denn eigentlich, wenn wir jetzt eine Kokosnuss und eine Erdnuss aus dem siebten Stock werfen? Und das verursacht auf jeden Fall immer auch ein kleines Schaden.

Marilena: Hast du denn auch gemerkt, als du dich so ein bisschen dich in die Richtung mehr Softness verändert hast, das auch irgendwie, kam irgendwie Gegenwind so, also auch aus dem Umfeld oder Unverständnis irgendwie? Oder hast du irgendwas gemerkt?

Daniele: Das ist eine interessante Frage. Ich glaube, ich kann es nicht hundertprozentig sagen. Ich würde sagen, dass es in bestimmten Kontexten zu Irritationen führt, sicher, für Menschen. Dass ich aber eigentlich sowohl in Arbeitskontexten, aber auch in meinem Leben, also so im Leben ist glaube ich sehr obvious, so mit Freunden offener zu sein, die Verbindungen haben sich eher vertieft. Aber auch im Arbeitskontext, glaube ich, war das für viele eine Einladung, auch ihre harte Schale mal abzulegen und auch da sind total schöne Dinge passiert. Ich glaube, was man da immer irgendwie bedenken muss, ich glaube, so jedenfalls für mich bin ich mit vielen Privilegien ausgestattet, ich kann das einfach machen, ohne dass mir wirklich was passiert. Ich glaube, es ist auch manchmal leicht, dann zu sagen, sich verletzlich zu zeigen und das ist für viele Leute, glaube ich, schwierig, weil man da vielleicht auch negative Erfahrungen gemacht hat, weil das ausgenutzt wurde. Und deswegen ist, glaube ich, das irgendwie für mich umso wichtiger, weil ich habe selten was zu befürchten und manchmal verstehe ich mich dann auch so als Softy-Ally, glaube ich. Ich mag gerne den ersten Schritt machen. Und dafür vielleicht dann auch einen Raum öffnen für jemanden, für den das nicht so einfach ist.

Marilena: Hast du von diesem Konzept „Radical Softness“ mal gehört?

Daniele: Ja, ich habe in meiner Vorbereitung es aufgetaucht und bei mir, da muss ich ehrlich sagen, das Kollektiv besteht aus aktuell drei Leuten und für mich auch allen Teilnehmenden irgendwie. Also so ist es irgendwie größer als die, die das organisieren und gerade Luisa, die auch Teil des Kollektivs ist, bringt das, glaube ich, super viel in ihrer Arbeit mit und kennt sich da auch viel besser aus als ich wahrscheinlich. Und über sie habe ich dieses Konzept Radical Softness irgendwie kennengelernt und genau sie arbeitet auch sehr viel für sich.

Marilena: Radical Softness so als Begriff noch nicht, also ich hab das dann auch erst nachgelesen, dass es ein von amerikanischen Künstlerin Laura Mattis, glaube ich. Ich weiß nicht genau, ob sie so ausgesprochen wird. Dass die das so ein bisschen geprägt hat durch so ein Fotoprojekt Radical Softness as a Weapon. Und das finde ich irgendwie schon auf jeden Fall sehr interessant, weil es, genau wie du sagst, ja häufig irgendwie da auch in queerfeministischen Kreisen eben so ein bisschen als Widerstand gegen patriarchale Härte und Gefühlskontrolle so genutzt wird. Und das finde ich irgendwie spannend. Ich habe mich aber damit noch nicht so wirklich tiefergehend auseinandergesetzt.

Und ja, vielleicht werde ich das jetzt irgendwie demnächst mal machen, weil ich glaube, dass das ganz interessant ist. Es klingt vielleicht auch so ein bisschen spirituell. Vielleicht ist es das auch in Ansätzen. Aber es ist irgendwie auch, glaube ich, sehr politisch und geht gar nicht jetzt nur um Softness sozusagen als Gefühl und Emotion oder auch, keine Ahnung, als Textur, sondern eben auch um ein gesellschaftliches Miteinander. Weil wenn man jetzt irgendwie sich anschaut, wie häufig Diskurse stattfinden, dann ist das so krass verhärtet. Also es ist ja nur noch ein, welches Team bist du und sehr wenig Zwischenräume. Und das verstehe ich zum Beispiel auch unter Softness so ein gewisses, ja, aufeinander zugehen.

Daniele: Ja, ich verstehe, glaube ich, auch ihr Konzept. Also ich glaube, es ist super spannend, auch noch tiefer reinzugehen, weil ich glaube, sie hat das so als ästhetisches Konzept geprägt. Ich muss da auch witziger rein, es gibt so einen Song, das ist The Weapon. Ich kann ihn jetzt nicht so gut singen, aber ich teile ihn später mal mit dir. Vielleicht können wir ihn auch mit den Hörenden teilen, der irgendwie auch in meinem Kopf immer ist, wenn ich das so höre. Und ich glaube, gerade in einem irgendwie patriarchalen System, in dem wir leben, ist es halt irgendwie eine politische Haltung, ein Stück weit das zuzulassen und damit eben auch in Widerstand zu gehen gegen das, was oft auch von uns verlangt wird, irgendwie ein Funktionieren, eine Kontrolle, ein Abgehärtetsein.

Marilena: Das finde ich interessant. Resilienz ist ja auch im Nachhaltigkeitskontext oft so positiv konnotiert und gleichzeitig bedeutet das aber ja sehr häufig irgendwie so auch so ein Abhärten und das finde ich eigentlich gar nicht so cool.

Daniele: Ja, ich glaube, dazu muss man vielleicht noch so eine Sidenote machen zu meinem Kontext. Ich arbeite als Transformationsdesigner und es gibt schon auch so transformative Resilienz, so als Konzept, das einfach da so ein bisschen aus diesem alten Verständnis von wir härten jetzt Strukturen und selber Organisationen ab, so davon weg geht und eher ein Verständnis von sowas hat, wie man lernt aus Prozessen und das ist, glaube ich, auch für mich so eine Art Softness, also wie heißt das auch? Soft Systems Collective.

Es gibt sowas wie softe Systemtheorie, die dann halt weg geht von so Kontrolle, so machinistischen Denken von Systemen hin zu eher so einem Prozessdenken und einem Lernen und da geht das dann eher hin. Und gleichzeitig musste ich auch, richtig witzig, letztens war ich bei einem Workshop im Architekturkontext und da kam das Wort Elastizität auf und dann standen da so Wörter wie Softness, Elastizität und Resilienz und ich glaube, wie du gerade schon gesagt hast, die sind immer oft, werden sie in eine bestimmte Richtung konnotiert, aber ich glaube, so ist es.

Marilena: Spannend. Darüber habe ich so in der Form auf jeden Fall noch nicht nachgedacht. Aber kannst du noch mal erklären, was macht ihr bei den Soft-System-Collectives? Habt ihr eine gewisse Idee, ein Ziel oder wie sieht das so praktisch aus?

Daniele: Wir arbeiten dort, als Kollektiv haben wir uns zusammengefunden und wir interessieren uns, glaube ich, für ähnliche Themen, gucken aus einer ähnlichen Perspektive. So ökologisch-soziale Nachhaltigkeit ist uns wichtig, aber auch gesellschaftlicher Wandel ist ein Thema, der uns in unserer Arbeit in unterschiedlichen Kontexten immer begegnet ist. Wir haben auch vorher schon zusammengearbeitet und aktuell forschen wir in einem Fellowship zusammen mit dem Kunstmuseum Wolfsburg und einer Gruppe an Menschen, wo du dir vorstellen kannst, dass wir einen Erfahrungsraum gestalten.

Wir interagieren mit der Kunst, wir interagieren miteinander, wir versuchen neue Erkenntnisse zu uns, aber auch zu unseren Rollen. Wir haben die Menschen, die wir eingeladen haben, am Anfang auch so etwas wie Change Agents genannt. Also Menschen, die einfach schon hier im lokalen Kontext versuchen, Dinge zu bewegen. Und gerade wenn man da Dinge ernst nimmt, wie wir beide das ja auch, glaube ich, machen, so ein Thema Nachhaltigkeit, dann passiert es ja schnell, dass man so hart zu sich selber ist und alles richtig machen möchte. Irgendwie dann auch das Gefühl hat, man hat die Verantwortung jetzt auch so persönlicher Ebene und da, glaube ich, wollen wir uns auch als Gruppe ein Heil geben. Das stimmt.

Marilena: Wie kann ich mir das praktisch vorstellen? Welche Rolle spielt Softness in eurer Arbeit?

Daniele: Also wir haben uns sehr viel physisch getroffen. Das sind dann einfach so kompakte Tage, an denen wir uns im Museum, das heißt Studio, ganz witzig, der Kunstvermittlungsbereich aufhalten und in dem wir, das sind so wie so, ja, also ich nenne sie Erfahrungsräume, vielleicht eher Workshops, wir machen kurze Inputs, aber eigentlich arbeiten wir miteinander zu Dingen, die immer irgendwie super wertschätzend sind und ich glaube, wenn man so, wir lösen da auch, das ist auch witzig, wir lösen eigentlich gar nicht so genau auf, was soft bedeutet, aber wenn, ich glaube, man alle Menschen fragt, die so ein Teil davon sind, dann würden sie den Raum als so einen soften, safe, aber auch brave space bezeichnen, glaube ich, weil oft könnte man jetzt auch vermuten, dass Softness so ein Anfassen mit Wattehänden ist, aber ich glaube, es ist auch so, manchmal, ja, konfliktär und wir begegnen uns da einfach ehrlich und da treten Konflikte nicht unbedingt als negatives auf, sondern einfach als verschiedene Perspektiven

Marilena: Sozusagen Softness im Sinne von, dass man Emotionen zulässt, auch bedeutet, dass andere Menschen, also dass man Raum einnimmt, ne? Also wenn ich jetzt bei dir ein kleines Kind irgendwie oder Baby, was auf einmal anfängt zu schreien, weil es halt irgendein Gefühl wahrnimmt und es nach außen mitteilt, weil es halt was braucht, so in der Form machen wir das als Erwachsene eher selten, aber im Prinzip bedeutet Soft es dann auch, auf eine gewisse Weise im besten Fall wertschätzend Raum einzunehmen, anderen Menschen dann zu zeigen, hey, ich bin Teil von einer Gemeinschaft, vielleicht brauche ich was, vielleicht könnt ihr mir irgendwie was geben und das, genau wie du sagst, ist halt irgendwie mit Konflikten so behaftet, weil keine Ahnung, je softer man ist, desto mehr dringt ja auch in einen selber rein, weißt du? Also dieses Thema Abgrenzen von anderen Emotionen finde ich zum Teil richtig, richtig schwer, also ich weiß nicht, was dir geht, ich gehe manchmal in den Raum rein, also jetzt physisch in den Raum rein oder treffe Leute und ich hab immer das Gefühl, ich spüre sofort so, wie ist die Energie hier, richtig krass, wenn es dann halt bei einer Familie oder so ist, dann habe ich das Gefühl, ich bin komplett durchlässig und ja, das finde ich sehr anspruchsvoll.

Wie ist das bei dir? Kannst du es gut? Du kannst es wahrscheinlich besser als ich, habe ich das Gefühl.

Daniele: Ja, spannend.

Marilena: Sich abgrenzen klingt jetzt auch wieder so negativ, aber nicht alles direkt auf sich selbst beziehen zum Beispiel.

Daniele: Oh ja, das ist, glaube ich, ein richtig großes Thema. Ich würde es für mich Lernfeld nennen. Ich glaube, es ist, gerade wenn man fürsorglich sein möchte, empathisch sein möchte, manchmal ein Thema dann zu wissen, was hat das jetzt mit mir zu tun und hat es was mit mir zu tun? So eine Magic-Frage. Manchmal ist so jemand anders zu fragen, was brauchst du jetzt gerade? Und manchmal ist es gar nicht, dass ich jetzt was anders machen soll. Und gleichzeitig, glaube ich, ist es voll spannend, dann auch genauso Themen, wie diskutieren wir auch viel in diesem Soft-Systems-Kollektiv, sowas wie Grenzen und Bedürfnisse und sich darüber bewusst zu sein, dass Softness nicht heißt, ich bin immer durchlässig, ich bin immer soft, ich muss immer irgendwie dann auf meine softe Art und Weise funktionieren, sondern es gibt dann einfach auch Grenzen und in bestimmten Kontexten ist es auch manchmal gesund zu sagen, hier muss ich vielleicht jetzt nicht alles teilen, was mir gerade durch den Kopf geht. Bei Familie ist es, also ich habe ein ganz gutes Verhältnis, glaube ich, zu meiner Familie und da würde ich auch sagen, du hast auch Therapieerfahrung angesprochen, ich glaube für mich, seitdem ich dann besseren Zugang zu mir habe, da auch die Beziehung noch mal tiefer geworden ist und es ein Raum für mich ist, sich zu öffnen und gleichzeitig kenne ich Geschichten von Freunden, die halt an Weihnachten so mittel gern nach Hause fahren, weil sie halt dann nur mit Härte und vielleicht auch, ja dann gerade, du hast vorhin auch noch Gegenwind gefragt.

Marilena: Ich habe noch eine Idee, bzw. ich dachte, noch mal auf ein ganz anderes Thema zu kommen, also nicht ganz anderes Thema, weil es geht immer noch um Softness, aber ich habe gedacht, du trinkst ja seit 4 oder 5 Jahren keinen Alkohol. Ich finde das sehr beeindruckend, weil ich dich auch nicht nur als Kaffeekondensator, sondern auch als Weinkondensator auf jeden Fall in Erinnerung habe in unseren Urlauben. Und ich bin auf einen Begriff gestoßen, den ich so noch nicht kannte. Also ich kannte den Trend so ein bisschen schon, aber den Begriff Soft Clubbing. Kennst du den? Was verstehst du da drunter?

Daniele: Ich habe ihn gehört, ja. Ich glaube, es ist irgendwie so eine Club-Veranstaltung. Für mich ein bisschen auch so, ich muss an einen Freund denken, der da viel zu geschrieben hat. In New York treffen sich Leute in einem Café und clubben halt morgens vor der Arbeit oder mittags. Es gibt einen coolen DJ, der dann auflegt. Er hat das auch mit so einem Zwinkern irgendwie so ein bisschen vielleicht auch als so eine witzige Selbstbeobachtung unserer Generation, glaube ich, beschrieben. Aber ehrlicherweise kann ich dazu sagen, ich gehe richtig, richtig gerne zu Veranstaltungen, die einfach früher stattfinden, weil für mich dann oft das einfach nicht so witzig ist nach Null Uhr unterwegs zu sein.

Marilena: Same. Ich bin letzten in so einem Magazinbeitrag darüber gesehen, sogar in Hamburg, also dass es dort solche Soft-Clubbing-Events schon gibt. Und erst mal war ich so ein bisschen so, oh Gott, irgendwie so diese, tatsächlich, das ist nämlich auch gleich noch ein Punkt, so ein bisschen so diese High-Performer jetzt oder irgendwie, ich weiß nicht, ich hab so ein bisschen geschmunzelt. Ein bisschen überheblich wahrscheinlich, aber dann hab ich gedacht so, verdammt, eigentlich ist das auch voll mein Ding, weil ich bin genau wie du überhaupt keine Nachteule, ich werd auch echt richtig schnell müde. Also ich mag total gerne tanzen, ich mag an sich Partys auch, aber ich find’s auch extrem gut, wenn ich weiß, das Ding ist halt irgendwie um, weiß ich nicht, zwölf zu Ende, also mittags um zwölf, und dann geh ich. Oder auch am Wochenende gibt’s ja manchmal auch irgendwie tagsüber Partys, aber so Morning Raves. Ich weiß nicht, ob ich jetzt wirklich, also in dem Fall war’s wirklich um sechs Uhr ging die Party los morgens. Und es gibt halt super viel Kaffee, die Leute trinken dann halt ihren Flat White irgendwie dort und bekommen, dann vielleicht noch einen Ingwer-Shot.

Aber ich dachte mir so, ja, eigentlich finde ich das Konzept schon gar nicht so schlecht, vielleicht muss ich das mal ausprobieren. Und dann habe ich wiederum gedacht, so die Kritik daran fand ich irgendwie auch ganz spannend, dass es so ein bisschen Feiern so reingepresst wird in ein Funktionierensystem. Also so, dass man quasi nicht mehr nachts feiern geht, weil man dann, und auch mit, also es ist ja häufig ohne Alkohol, ohne Softclubbing und ohne Drogen, weil man sagt, okay, man möchte funktionieren. Also einen Katertag am nächsten Tag, den kann man sich quasi gar nicht leisten.

Und deswegen, das war so ein bisschen so eine Kritik, die ich gehört habe, die irgendwie auch in meinem Kopf so ein bisschen Sinn ergibt, dass ich jetzt, okay, muss ja eigentlich auch okay sein, mal exzessiv zu feiern. Auf der anderen Seite denke ich mir, hey, wenn vor allem junge Menschen weniger Drogen konsumieren, Hammer, richtig gut. Auf der anderen Seite möchte ich so ein paar exzessive Party-Nächte auch überhaupt nicht missen. Also vielleicht ist es dann die Balance, mal Softclubbing, mal Hardclubbing, keine Ahnung.

Daniele: Ich glaube auch, ich hatte nie so eine große Klubkarriere, deswegen ist das für mich gar nicht so ein großes Ding. Aber ich glaube, dass gerade so Clubs auch auf eine bestimmte Art und Weise eine Freiheit zulassen, vielleicht auch in dem Fall dann irgendwie auch eine Softness. Man fühlt sich vielleicht unbeobachtet, man muss halt nicht funktionieren und das quasi irgendwie vielleicht auch das, was du jetzt gerade Hard Clubbing bezeichnest, irgendwie auch eine Art und Weise von vielleicht einem anderen Zugang zur Welt irgendwie ermöglicht, wo man sich halt von diesen ganzen Logiken, ich muss funktionieren.

Daniele: Ja, ich habe letztens einen Artikel dazu gelesen, der ist aufgetaucht, dass eigentlich so Rave-Kultur als queere und vielleicht auch schwarze Subkultur eigentlich entstanden ist, weil es eben diese Spaces nicht gab. Wir kommen weit weg vom Thema, aber da muss ich auch irgendwie gerade nochmal dran denken. Und ich glaube, meine beste Erfahrung mit Softclubbing, ich weiß gar nicht, wie ich Softclubbing nennen würde, aber das war eine Listening-Session, die ein Freund von mir gemacht hat. Und da war eben auch dann so ein DJ-Kollektiv hat eingeladen und die haben halt nicht so klassische Tanzmusik gespielt, sondern eher so Ambience-Sets, vielleicht auch Sounds irgendwie einfach aus der Natur. Und Leute saßen, haben Tee getrunken und es wurde irgendwann auch so, ja insgesamt war die Atmosphäre, glaube ich, würde ich schon als Soft beschreiben. Und es war tatsächlich auch so, nachmittags glaube ich so, es hat zwölf angefangen und um sechzehn Uhr war es vorbei und ich glaube, es war so einer meiner coolsten Sonntagnachmittage, weil ich mir so dachte, oh, mega cool.

Marilena: Darauf hätte ich jetzt auch Lust. Das speichern wir ab. Und das nächste Mal, wenn ich dann entweder hier in Wobbi zu Besuch bin oder du in Hamburg, dann nehmen wir uns ein Soft-Clubbing in welcher Form auch immer vor.

Also, für mich war es auf jeden Fall gerade ein Vergnügen. Nicht nur wegen des sehr, sehr leckeren Kaffees, den ich hier von dir gezaubert bekommen habe. Ja, genau. Aber ich bin jetzt auch schon ein bisschen heiß auf einen Löffel Pistazien zu geben. Genau.

Aber erstmal vielen, vielen, vielen, vielen Dank für deine Zeit, Stanislav, und dass wir das jetzt so lange machen, das bedeutet einem viel.

Daniele: Ja, danke, dass du mich gefragt hast. Danke für das Gespräch. Ich glaube, es war vielleicht anders, als ich erwartet hätte. Wahrscheinlich anders, als wir beide erwartet hätten. Und das ist ja irgendwie auch schön. Ja, und ich merke auch, wir haben sogar auch darüber geredet, ob Softness das richtige Thema ist, über das wir beide reden sollten. Und ich merke, dass, glaube ich, dieses Gespräch jetzt hier irgendwie endet, aber wir beide eigentlich noch viel dazu zu sagen haben oder es noch viel zu sagen gibt. Vielleicht auch für die Hörer*innen. Bleibt neugierig und es gibt noch, glaube ich, viel zu entdecken.

Marilena: Cheers!

Outro

Ich danke euch fürs Zuhören. Wenn ihr Ideen habt, über welche Themen ich in diesem Format mal nachdenken sollte – oder ihr vielleicht sogar selbst Lust habt, dabei zu sein: schreibt mir einfach an redaktion@sinneswandel.art auf Instagram. Und wenn euch die Folge gefallen hat, freue ich mich, wenn ihr meine Arbeit weiterempfehlt oder supported. Alle Infos dazu findet ihr in den Shownotes. Das war’s, bis bald im Sinneswandel-Podcast.

10. November 2025

I’m cringe, but free – Ist peinlich das neue Cool?

von Marilena 27. Oktober 2025

Peinlich war lange das Schlimmste, was man sein konnte. Coolness bedeutet Kontrolle, Distanz, bloß keine Gefühle zeigen. Jetzt scheint sich das zu drehen: auf Tiktok und in der Popkultur wird das „Cringe-sein“ gefeiert – als neue Form von Ehrlichkeit. Aber steckt darin wirklich Freiheit? Oder ist selbst das “Unperfekte” längst wieder Performance?

Shownotes

Macht [einen] Sinneswandel möglich, indem ihr Steady Fördermitglieder werdet. Finanziell unterstützen könnt ihr meine Arbeit auch via Paypal.me/sinneswandelpodcast. Danke.

► Verena Bogner (2026): I am cringe, but I am free, Ullstein
► Andreas Reckwitz (2019): Die Gesellschaft der Singularitäten, Suhrkamp
► “im fucking cringe but im… free” Post von Tumblr-User mrkanman
► Tumblr-User sandmandaddy69
► CBC (2022): Phoebe Bridgers on sad music — and why her next challenge is to write happy songs that don’t make her cringe
► TikTok: @yourrichbff
► Instagram: @gesinadem

✉ redaktion@sinneswandel.art
► sinneswandel.art


Hi und herzlich willkommen im Sinneswandel Podcast. Ich bin Marilena und ich freue mich, dass ihr heute dabei seid.

Ich sag’s, wie’s ist, mit David Guetta joggt es sich halt einfach besser. Und ja, das ist auch einer meiner Most Played Artists, jedes Jahr wieder in meinem Spotify Wraped. Und nein, ich teile das meistens nicht auf Social Media. Ich glaube, höchstens meine engsten Freunde wissen, was ich so beim Joggen alles höre. Und ich teile das auch meistens nicht, weil ja, mir ist das ein klitzekleines bisschen unangenehm. Halt irgendwie so ein klassisches Guilty Pleasure.

Und irgendwie habe ich mich gefragt, warum ist mir das eigentlich peinlich? Und dann habe ich mal nachgeschaut, was bedeutet Guilty Pleasure eigentlich genau? Und laut Urban Dictionary sind Guilty Pleasures „Something that you shouldn’t like, but like anyway“. Okay, macht Sinn. Und dann habe ich überlegt, okay, was ist noch ein anderes Beispiel davon? Für mich ist das auf jeden Fall sowas wie die Serie „The Summer I Turned Pretty“, die ungefähr gerade alle geschaut haben. Vielleicht ihr auch, maybe? Aber die ist halt super, super, super cringe, aber irgendwie auch ein bisschen geil. Also ich habe sie zu Ende geguckt. Und ich habe das Gefühl, dass solche vermeintlichen Guilty Pleasures eher immer mehr gefeiert werden. Also auf Social Media, aber auch irgendwie, wenn man drüber spricht, anstatt dass sie geshamed werden.

Und vielleicht erinnert ihr euch, dass cringe, also das Wort „cringe“ 2021 zum Jugendwort des Jahres gewählt wurde?! Und ich hatte das Gefühl, danach war ungefähr alles irgendwie cringe. Also ich glaube, die Generation, die das Wort zum Jugendwort gewählt hat, die hat es dann ja schon lange nicht mehr verwendet. Aber. viele andere ältere Menschen danach noch sehr, sehr lange. Und vielleicht ist das auch mit so ein bisschen der Grund, warum es jetzt eine Art Gegenbewegung gibt. Ich meine, wie anstrengend ist es bitte, ständig alles zu bewerten und bewertet zu werden? Und ist es nicht eh viel cooler, einfach zu seiner eigenen Cringiness zu stehen?

Bestimmt habt ihr schon mal Memes in eurem Feed auf Insta oder TikTok gesehen mit dem Spruch „I’m cringe but I’m free“ und die sind auf jeden Fall auch in meinem gesamten Feed omnipräsent, seit so, ich weiß nicht, einigen Monaten auf jeden Fall schon. Und ich hab mich gefragt, woher kommen die eigentlich plötzlich? Und ich habe mal nachgeschaut, weil ich wusste das ehrlich gesagt vorher nicht. Und ihren Ursprung haben diese Memes „I’m cringe but I’m free“ in dem Jahr 2020 und zwar hat da ein User namens, ich weiß nicht wie man den ausspricht, keine Ahnung, mrkanman diesen Satz auf Tumblr gepostet und zwar „I’m fucking cringe but I’m free“ und dieser User ist damit komplett viral gegangen. Also er bekam irgendwie in kürzester Zeit über 30.000 Likes und plötzlich haben immer mehr Menschen Memes mit dem Satz geteilt. Also erst auf Tumblr, da war es zum Beispiel dann der User sandmandaddy69, irgendwie ein bisschen suss der Name, aber naja. Und der hat ein Bild dazu gepostet und zwar ein Ziegenfoto mit dem Text „I’m cringe but I’m free“ und das findet man jetzt halt auch überall auf Insta und TikTok und es gibt auch immer mehr Reels dazu, in denen Menschen, Influencer teilen, was sie eigentlich genau damit meinen.

TikTok @yourrichbff: „Ich habe auf TikTok ein Video gesehen, das meine Perspektive verändert hat. Du fandest es schrecklich, ich fand es lustig. Deshalb bin ich glücklicher als du.“

Instagram @gesinadem: „Mein ganzes Leben lang war mir eigentlich nichts wichtiger, als von Menschen gemocht zu werden. Können wir Cringe nicht eh einfach aus dem Wörterbuch streichen? Naja, hier bin ich. Cringe but free.“

Aber nicht nur Influencer, sondern eben auch einige Promis bekennen sich mittlerweile öffentlich zur Cringiness und ein Beispiel ist Phoebe Bridgers. Und die Musikerin hat mal in einem Interview gesagt, übersetzt natürlich: „Die Leute denken einfach, du bist schlauer, wenn du traurig bist. Fröhliche Liebeslieder haben irgendwie den Ruf, dumm zu sein. Meine nächste Herausforderung im Leben ist es, über Glück zu schreiben, ohne dass es mich cringe fühlen lässt.“ Ich finde das ehrlich gesagt super spannend, weil sie damit genau diesen Konflikt anspricht. Wir feiern Schmerz, Melancholie, Komplexität, Kritik zum Teil auch, aber so richtig ehrliche Freude, Begeisterung oder Naivität, die gelten dann irgendwie halt total schnell als uncool oder peinlich. Deswegen vielleicht ist der Kern von dem „Cringe but free“, dass wir quasi lernen, uns für unsere Freude, für unsere Begeisterung, für unser vielleicht auch Kitschgefühl nicht mehr zu schämen. Und eine Art Gegenbewegung zur quasi ironischen Distanz der 2000er zu schaffen. Und genau das glaubt auch Verena Bogner. Verena ist Journalistin und schreibt gerade ein Buch zu genau diesem Thema.

Verena Bogner: „Cringe ist für mich auch die Angst davor, von anderen beschämt zu werden, für alle möglichen Aspekte der eigenen Persönlichkeit. Also bin ich zu quirky, bin ich zu laut, bin ich zu girly, bin ich irgendwie zu unkultiviert unter Anführungszeichen. Das sind lauter so Dinge, für die einen die Gesellschaft gerne abcringt und das finde ich obviously falsch. Wir sollten den Cringe auf jeden Fall viel mehr embracen, finde ich.“

Ich würde sagen, je älter ich werde, desto besser gelingt mir das auch, würde ich sagen. Also zu Schulzeiten, obviously, ist es mir viel, viel, viel, viel schwerer gefallen. Ja, zu all den Dingen zu stehen, dass ich irgendwie eigentlich wahrscheinlich gerne noch Pferdepullis getragen hätte in der fünften Klasse, aber relativ schnell kapiert habe, kommt irgendwie nicht so gut an. Und jetzt mittlerweile, ja, wo man vielleicht auch ein bisschen oder deutlich weniger social pressure hat, ja, ist es einfacher. Aber trotzdem erfordert es natürlich ein gewisses Selbstbewusstsein, zu sich zu stehen. Und das ist nicht immer so einfach, weil es natürlich auch menschlich ist, dazu gehören zu wollen.

Coolness war und ist heute nach wie vor eine Art Schutzpanzer, weil es geht um Distanz, Kontrolle, Überlegenheit. Und dabei ist mir aufgefallen, das sind alles Eigenschaften, die im Patriarchat eher männlich konnotiert, also geprägt sind. Und genau das sagt auch Verena.

Verena Bogner: „Cool sein geht mit Unemotionalität einher, was ja Stereotyp, männlich ist, cool ist, wer unnahbar ist, ja genau, keine ehrliche Begeisterung zeigt, ja, und ich freue mich dann sehr eben über so große Movements wie die Swifties, wo dann plötzlich Millionen von Girls und Queeren-Personen sagen, so, jetzt zeigen wir euch mal, was cool ist.“

Und vielleicht ist das auch das Spannende an diesem Trend, habe ich gedacht, dass Scham natürlich plötzlich viel sichtbarer wird und dadurch an Macht verliert. Weil wenn ich etwas vermeintlich Peinliches, wie eine Serie, Musik, die ich höre, teile, dann entwaffnen wir uns selber und das kann sich ziemlich befreiend anfühlen.

Verena Bogner: „Ich habe schon so viel Lebenszeit darauf verschwendet, mir Gedanken zu machen, was andere über mich denken, ob die mich cool oder peinlich finden. Und ich habe dann auch Jahre meines Lebens mit unauthentischen Choices einfach verbracht. Das ist ja völlig absurd und bereue ich natürlich auch zutiefst, weil es ist lächerlich. Aber ab dem Moment, wo ich den Cringe embraced habe, ist einfach eine riesige Last von meinen Schultern gefallen. Vielleicht gibt es Leute, die sich denken, ich bin peinlich und Cringe und weird, so fucking what? Es ist einfach egal und dieser Gedanke ist einfach sehr, sehr befreiend und schön und ich versuche das als die große Maxime meines Lebens zu sehen.“

Ehrlich gesagt kann ich das total nachvollziehen, was Verena sagt und trotzdem frage ich mich, ob in dieser Bekenntnis zum Cringesein vor allem auf Social Media wirklich eine Art neuer Freiheit liegt oder vielleicht sogar das Gegenteil.

Und an der Stelle kommt Andreas Reckwitz ins Spiel, der Soziologe. Ich habe nämlich 2020 in der Pandemie, also mitten in der Pandemie, sein Buch „Die Gesellschaft der Singularitäten“ gelesen. Ehrlich gesagt ziemlich komplex und ich glaube vieles davon, was er beschreibt, was er analysiert, hätte man auch deutlich kürzer zusammenfassen können. Aber ich habe mich irgendwie durchgekämpft. Und ich weiß auch noch, wie sehr mich das damals beschäftigt hat, weil er, finde ich, ziemlich gut beschreibt, in welche Art von Welt wir leben. Nämlich eine, in der alles besonders einzigartig und authentisch sein soll. Und das betrifft so ziemlich alles. Unsere Arbeit, Beziehungen, Freizeit, Kunst, Social Media. Alles wird nach Singularität, so nennt er das, bewertet. Und im Kern geht es am Ende eigentlich darum, sich abzugrenzen. Also quasi zu zeigen, ich gehöre zu der und der Clique oder beziehungsweise zu der und der sozialen Gruppe. Ist natürlich jetzt nicht so wahnsinnig neu. Aber ich habe mich gefragt, was hat das vielleicht mit diesem „I’m cringe but free“ Trend zu tun? Und ich glaube, ehrlich gesagt, der passt da ziemlich gut rein. Weil auf den ersten Blick wirkt er so ein bisschen wie ein Gegenentwurf zur quasi Abgrenzung. Aber auf dem zweiten Blick ist er vielleicht einfach nur eine neue Variante von demselben.

Und deswegen müssen wir erst mal noch mal ganz kurz von Anfang an oder an den Anfang, weil coolness ist ja lange Zeit immer noch eine Form von Distinktion, also sich abgrenzen. Cool sein heißt, unangreifbar zu wirken und in diesem Kontext wirkt einem cringe but free quasi fast wie so ein Befreiungsschlag, quasi ich mache mich nicht mehr zum Objekt von Coolness oder Authentizität, ich bin einfach ich. Und genau darin steckt eine Performancefalle, sagt Breckwitz, der nennt das so. Wir sollen authentisch sein, aber das ist selbst wieder eine Art von Performance, also es entsteht quasi ein Druck, echt authentisch zu wirken und das ist oft eben genauso anstrengend wie cool zu sein.

Und das ist natürlich irgendwie so ein bisschen ironisch. Selbst das Cringesein wird dadurch wieder ästhetisiert. Also wir performen unsere vermeintliche Unperfektheit. Und dabei ist mir ehrlich gesagt sofort, also vor allem auf Social Media eingefallen, es gibt mittlerweile ziemlich viele Reels, in denen es auch darum geht, öffentlich zu zeigen, dass man weint. Das ist natürlich total wichtig, dass Weinen irgendwie einerseits zum Beispiel nicht nur etwas ist, was Frauen tun, sondern auch Männer weinen. Aber gleichzeitig ist es dann irgendwie so mit perfekter Musik unterlegt und in perfektem Licht und dadurch natürlich irgendwie vielleicht auch gar nicht so wahnsinnig authentisch. Und man könnte quasi sagen, dass sich bei dem Trend einfach irgendwie, dass es sich bei dem Trend einfach um eine neue Form der Singularität handelt. Also Abgrenzung nicht durch Coolness, sondern eben durch bewusstes Nicht-Cool-Sein. Und ich habe Verena mal gefragt, was sie darüber denkt. Tatsächlich sieht sie das Ganze ein bisschen anders.

Verena Bogner: „Alles, was wir machen, ist performativ. Alles. Vor allem im Internet. Alles ist performativ und ich finde daran auch nichts Schlechtes. Und natürlich ist auch das Vor-sich-her-Tragen von I am cringe performativ, aber es geht halt dann, finde ich, darum, was dahinter steckt. Also blöd ist es ja dann, wenn man was nach außen trägt und dann ist nichts dahinter oder man lebt dann das Gegenteil davon und man trägt es nur nach außen, weil es ein Trend ist. Das finde ich cringe, ehrlich gesagt.“

Wahrscheinlich ist die Lösung am Ende vermutlich auch einfach, möglichst wenig darüber nachzudenken, ob andere etwas vielleicht cringe oder nicht cringe finden. Also generell einfach viel, viel weniger auch sich selbst und andere zu bewerten, weil ich habe mir gedacht, die Menschen, die häufig von anderen als cringe bezeichnet werden, weil sie vielleicht Swifties sind oder ganz unironisch Wandtattoos feiern, tun das ja nicht, weil andere es als cringe ansehen und sie jetzt sozusagen teilen wollen mit anderen, dass sie voll fein damit sind, eben vermeintlich cringe zu sein, sondern weil sie das einfach ganz, ganz ehrlich lieben. Und das ist ja eigentlich die allerbeste Absicht, oder nicht?

Verena Bogner: „Eine Qualität, die ich erst zu schätzen gelernt habe im Laufe der, ich sage mal, letzten zehn Jahre, ist ehrliche Begeisterung. Ich finde, es gibt nichts Schöneres, als wenn jemand auf einem Konzert die kindliche Freude in den Augen hat, egal ob man schon Mitte 30 ist oder nicht, oder ob jemand total abnöedet, so egal welchem Thema. Also ich liebe das, wenn sich jemand wirklich für was begeistert und diese komische Abgebrühtheit, diese ständige ironische Distanz zu allem abgelegt hat. Aber es gibt ja immer noch auch sehr viele, die Popmusik irgendwie minderwertig finden, cringe finden, was für dumme kleine Mädchen finden, die keine Ahnung von Musik haben und ich sage, die haben gar keine Ahnung von Musik. Also ich feiere Pop, ich feiere alles, was Mainstream ist.“

Outro

Mein Resümee aus dieser Folge ist auf jeden Fall, dass David Guetta in meiner Running Playlist seinen Platz behält und zwar ganz unironisch und ohne das Guilty vor dem Pleasure. Und ich bin auf jeden Fall total gespannt, was euer vermeintlicher Guilty Pleasure ist, der am Ende gar keiner ist. Schreibt mir das super gerne, entweder als Mail an redaktion@sinneswandel.art oder ihr könnt auf Spotify auch Kommentare hinterlassen zur Folge oder auf Social Media, da findet ihr mich auch. Ich würde mich auf jeden Fall total freuen und natürlich auch, wenn ihr Lust habt, meinen Podcast zu supporten, das geht ganz einfach via Steady oder über Paypal. Alle Infos dazu und zur Folge findet ihr wie immer in den Shownotes. Und das war’s von mir, bis zum nächsten Mal im Sinneswandel-Podcast.

27. Oktober 2025

Sinn-Flation: Warum Un-Sinn sinnvoll ist

von Marilena 1. Oktober 2025

Gefühlt muss heute alles Sinn machen: Yoga für die Selfcare, Reisen für die Horizonterweiterung, sogar Schlaf wird zum Biohacking. Aber manchmal nervt genau dieser permanente Sinn-Overload. In dieser Folge frage ich mich, ob wir nicht mehr Unsinn brauchen. Vom TikTok-Trend “German Brainrot” über dadaistische Lautgedichte bis hin zu Albert Camus: Kann das Sinnlose nicht manchmal das Sinnvollste sein?

Shownotes

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► David auf Instagram und Spotify

► der blaue reiter – Ausgabe 8 (1998): Sinn – Unsinn
► Albert Camus: Der Mythos des Sisyphos (1942)
► German Brainrot auf TikTok: schnecke_123 ; gauzi ; kaanomeg
►YouTube: ZEIT-Kritiker reagiert auf “German Brainrot”
►PNAS (2021): Emotion and humor as misinformation antidotes
► Dadaistisches Lautgedicht von Hugo Ball (1917): Karawane

✉ redaktion@sinneswandel.art
► sinneswandel.art


Hi und herzlich willkommen im Sinneswandel-Podcast. Ich bin Marie-Lena und ich freue mich sehr, dass ihr heute dabei seid.

Erstmal möchte ich mich bedanken zur Rückmeldung, die zur letzten Laut-gedacht-Folge gekommen ist. Hat mich auf jeden Fall mega doll gefreut, dass euch das Format gefällt, selber zum Nachdenken bringt. Und es wird auf jeden Fall weitere Laut-gedacht-Folgen geben mit neuen Gästen, Gästinnen aus meinem Bekanntenkreis. Oder, falls ihr jemanden kennt, der oder die Lust hat, hier mal zu Gast zu sein, dann schreibt mir gerne. Diese Folge wird allerdings keine Laut-gedacht-Folge sein. Es gibt keinen Gast, sondern ich habe mal wieder selber alleine laut nachgedacht. Und zwar heißt dieser Podcast ja nicht umsonst Sinneswandel. Das Thema Sinn beschäftigt mich schon sehr lange. Also ich glaube, ich bin damit nicht die Einzige. Aber ich würde sagen, dieser Podcast heißt auch Sinneswandel, weil ich selbst einige Sinneswandel erlebt habe. Auch immer wieder kleinere und größere Sinnkrisen im weitesten Sinne.

Vielleicht geht es euch ähnlich. Manchmal fühlt sich das Leben voller Bedeutung an, eben sinnstiftend. Und man fühlt sich richtig am Platz. Und dann gibt es wieder Zeiten, wo man sich leer und vielleicht sogar entfremdet fühlt. Und ich habe mich immer wieder gefragt, warum ist dieses Thema Sinn so allgegenwärtig? Also auch quasi in der Gesellschaft, in der es auch immer wieder darum geht, das Leben sinnstiftend zu machen und das nicht nur auf einer Ebene von, okay, ich möchte irgendwie ein Leben fühlen, was sich gut anfühlt, sondern irgendwie in einer Form der Selbstverwirklichung. Also nur als Beispiel Yoga ist oder Sport plötzlich nicht nur Bewegung, sondern Selfcare. Wenn man verreist, dann ist das nicht einfach Urlaub, sondern es ist eine Horizonterweiterung und selbst Schlaf wird dann irgendwie zum Biohacking. Und damit ist irgendwie alles aufgeladen und alles muss irgendwie sinnvoll sein.

Und ich habe mich gefragt, macht das das Leben wirklich sinnvoller oder nicht nur einfach anstrengender? Und klar, wir brauchen Sinn, weil er uns Sicherheit, Zugehörigkeit, Bedeutung gibt. Und früher wurde Sinn vor allem natürlich irgendwie durch Religion, Tradition, gesellschaftliche Gewissheiten gestiftet. Man hat sich das vielleicht auch gar nicht so häufig gefragt. Und heute bricht eben vieles davon weg durch Individualisierung, aber auch durch solche Dinge wie die Klimakrise, Kriege. Vieles an vermeintlichen Gewissheiten wie Frieden ist halt irgendwie in Frage gestellt. Und einerseits klingt die Freiheit über seinen eigenen Sinn zu verfügen und ihn selber quasi zu stiften erstmal nach Freiheit, ist es natürlich auch. Aber natürlich liegt darin in dieser Deutungshoheit über das eigene Leben auch ein großer Druck. Also es ist eben nicht nur Selbstermächtigung, sondern eben auch ein Druck. Und ich habe mich gefragt, ob wir nicht aber gerade trotzdem, weil das Thema so allgegenwärtig ist, eine Art Sinnflation erleben. Ich bin ein bisschen stolz auf dieses Wortspiel.

Und die Frage ist, ob vielleicht nicht noch mehr Sinn die Lösung ist, sondern vielleicht mehr Unsinn. Und genau darum geht es in dieser Folge.

Einspieler: „German Brainrot“

Bestimmt haben einige von euch das schon mal gehört oder auch gesehen, eher gesagt. Denn das, was ihr jetzt gerade nur gehört habt, das nennt sich German Brain Rot. Das sind KI-generierte Videos, meistens in eher geringer Qualität. Und TikTok-Accounts wie Schnecke_123, gauzi oder kaanomeg haben damit Millionen von Views mit rotierenden Fischen, sprechenden Pinguinen oder eben tragbaren Katzen generiert. „Brainrot“ heißt wortwörtlich übersetzt so was wie Gehirnverfall. Also ist eigentlich Content, bei dem man erstmal so denkt, wow, irgendwie kompletter Nonsens. Und trotzdem kann man aber halt einfach nicht wegschauen. Und ich finde das irgendwie ganz spannend. Das ist ja so ein Trend gewesen, vor allem Anfang des Jahres. Es gibt mittlerweile auch Italian Brainrot, also wahrscheinlich auf sehr vielen, in sehr vielen Kulturen. Und dieser Unsinn ist halt irgendwie total zeitgeistig. Es ist unterhaltsam und es verbindet, wenn man irgendwie drüber spricht und gemeinsam lacht. Nietzsche würde vielleicht irgendwie so was sagen wie, das Gefühl von Sinnlosigkeit macht uns einerseits haltlos. Und gerade deshalb stürzen wir uns vielleicht auch in solche Ablenkungen, in Rausch, Ekstase, aber eben auch in solchen Unsinn.

Weil ich habe mich gefragt, vielleicht hilft uns so ein Unsinn auch dann gerade, wenn Sinn zu viel wird oder es irgendwie so brüchig erscheint. Und was ich auch ganz interessant fand, Zeitjournalist Joma Mangold, der hat sich solche Brain Rot Clips auch angeschaut und mit der Feuilletonbrille kommentiert. Hier ein kleiner Ausschnitt.

Ijoma Mangold – ZEIT Kritiker: „Ja, das ist natürlich ganz fantastisch, weil manchmal meint man Sinnzusammenhänge zu haben und dann ist es doch wieder ein Non-Sequitur, dass das Nächste aus dem Vorhergegangenen überhaupt nicht folgt. Und mit diesem Bruch arbeitet dieser Clip natürlich die ganze Zeit. Man fragt sich natürlich die ganze Zeit, vielleicht ruft es ja Anspielungshorizonte ab, die mir leider unbekannt sind. Also der Ehrgeiz, kein Zeichen zu übersehen und die, die man wahrnimmt, richtig zu deuten, ist sehr groß. Man würde gerne diesem dadaistischen Spiel auf höchster Ebene gerecht werden.“

Ja, Unsinn schafft irgendwie auf eine Art Abstand, Perspektivwechsel verbindet, auch die Forschung zeigt, Humor, Memes, Absurditäten helfen nachweislich, dass wir mit Unsicherheiten und Krisen besser umgehen können. Und Unsinn kann eben sogar auch eine Art Kritik sein an Normen, Erwartungen oder auch Machtstrukturen. Und das ist eigentlich gar nichts Neues, weil schon vor über 100 Jahren haben KünstlerInnen damit gearbeitet.

Einspieler: Dadaistisches Lautgedicht „Karawanen“ von Hugo Ball

Ich gebe zu, ich kannte dieses Lautgedicht auch vorher nicht, bevor ich es hier mir angehört habe. Es klingt erst mal nach Kauderwalsch und genau das ist es irgendwie auch, weil dieses Lautgedicht von Hugo Ball, das ist einfach reine Klangkunst. Wörter, die nichts bedeuten, sondern einfach nur aus Lautfolgen bestehen. Und entstanden ist dieses Gedicht im Umfeld des Dadaismus. Hat Jomar Mangold eben auch hier gerade schon kurz erwähnt. Das ist eine künstlerische Bewegung, die 1916 in Zürich entstanden ist und sich dann verbreitet hat. Und der Hintergrund ist, wir befinden uns mitten im Ersten Weltkrieg. Millionen Menschen sterben und das Vertrauen quasi in Vernunft, in die Menschheit war verständlicherweise ziemlich tief erschüttert. Und die Dadaisten wollten genau mit diesem Glauben an Sinn, an Ordnung, an Fortschritt brechen. Und sie haben das Absurde, das Sinnlose, das Willkürliche eben bewusst als Kunst eingesetzt. Und tatsächlich ist sogar der Name Dada eine Art Zufall, weil er wurde einfach aus einem Wörterbuch gezogen und hatte keinerlei feste oder hat keinerlei feste Bedeutung außer eben natürlich jetzt, seitdem es diese Bewegung gibt. Und die Botschaft dahinter ist eigentlich ziemlich simpel, nämlich Sinn ist nichts, was einfach da ist, sondern Sinn wird gemacht, konstruiert. Und er kann genauso gut wieder dekonstruiert werden.

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Und genau da wird es, finde ich, super spannend, weil vielleicht ist das, was wir als Unsinn abtun, in Wahrheit gar kein Gegenteil von Sinn, sondern eben was ganz Eigenes. Weil ich finde, ich habe mir so ein bisschen Gedanken darüber gemacht, obwohl es wie, und Unsinn ist, finde ich, nicht zu verwechseln mit Sinnlosigkeit, also eben zum Beispiel einem ziemlich lärmenden Gefühl, wie wir es zum Beispiel bei einer Depression erleben können. Das ist nochmal etwas anderes als der Unsinn, den ich hier in dieser Folge thematisiere. Und Unsinn ist, glaube ich, auch nicht einfach das Gegenteil von Sinn, also es ist auch nicht ein Nicht-Sinn, sondern irgendwie eine Art Raum dazwischen, so eine Art spielerische Auflösung. Und genau das haben auch verschiedene PhilosophInnen schon versucht zu erklären.

Einer davon ist Albert Camus, kennen bestimmt auch einige, vor allem vom Mythos des Sisyphos. Zu dem komme ich auch gleich noch. Und Camus hat mal gesagt oder eher gesagt geschrieben in dem Mythos des Sisyphos, das Absurde entsteht aus der Gegenüberstellung des Menschen, der fragt und der Welt, die vernunftwidrig schweigt. Das ist natürlich aus dem Französischen übersetzt und das wiederum übersetzt in unsere Sprache bedeutet so was wie die Welt hat keinen vorgegebenen Sinn und sie schweigt auf die Sinnfragen von uns Menschen, was dann eben zu so einer Erfahrung des Absurden führt. Also dass wir im Leben eben Dinge erfahren, für die wir auch einfach keine richtige Erklärung haben. Das ist auch immer wieder auch selbst so, so was wie Schicksalsschläge passieren. Menschen, die zum Beispiel noch nie geraucht haben, bekommen nun Krebs. Jetzt nur als ziemlich hartes Beispiel, aber es passieren viele Dinge, für die es erstmal keine direkte Erklärung gibt.

Und genau, der Mythos von Sisyphos, den Camus 1942 aufgeschrieben hat, ist irgendwie auch so ein Beispiel, was er so ein bisschen metaphorisch dafür nutzt. Und zwar rollt Sisyphos ja immer wieder einen, ich glaube Marmorstein war es, den Berg rauf und der rollt jedes Mal, wenn er da oben angekommen ist, wieder runter. Und das ist ein Sinnbild eigentlich für die menschliche Sinnsuche in einer ansonsten ziemlich sinnlosen Welt. Und Camus hat trotzdem gesagt, dass man sich Sisyphos nicht als einen unglücklichen Menschen vorstellen kann, sollte, sondern eigentlich als einen glücklichen. Weil er sagt, dass der Mensch eigentlich nur dann frei ist in der Revolte gegen das Absurde.

Weil die Erfahrung von Unsinn im Leben ist für Camus eine Art Ausgangspunkt für Freiheit und Wertschöpfung. Also der Mensch kann trotz oder eben gerade wegen des Absurden ein selbstbestimmtes und wertvolles und glückliches Leben führen. Eben zum Beispiel, indem er sich dagegen auflehnt, durch Humor und durch das Akzeptieren von Unsinn. Und ich finde, das passt irgendwie auf eine Art auch so ein bisschen auf diese Brainrod-Geschichten damit zusammen. Und interessant fand ich auch den Satz, dass wir Sinn zwar stiften, ins Absurde geraten wir. Das wird uns auch immer wieder passieren, aber wir können eben aus dem Absurden, aus dem Unsinn etwas Sinnvolles schaffen.

Und dann wiederum in meiner Recherche zu diesem Thema, ihr merkt schon, ich bin in so ein kleines Rabbit Hole gefallen, aus dem ich dann echt ein bisschen gebraucht habe, bis ich wieder rauskomme, weil ich da irgendwie mich immer so, ich könnte mich da immer weiter reingraben. Und zwar habe ich mir eine Ausgabe von Blauen Reiter, das ist so ein Philosophie Magazin. Ich hatte tatsächlich den Gründer davon, Siegfried Reusch, auch schon mal hier zu Gast, schon ein paar Jahre her. Ich verlinke euch die Folge mal in den Shownotes, auch wenn es da um ein ganz anderes Thema geht. Und zwar ist diese Blaue Reiter Ausgabe von 1998, also schon eine ganze Weile her, noch vor den 2000ern.

Und die Ausgabe ist genau über das Thema Sinn und Unsinn. Und daran schreibt Frank Augustin, der lustigerweise wiederum der Gründer vom Agora 42, auch einem Philosophie Magazin ist, was ich auch sehr gerne lese. Und der hat darin einen Artikel geschrieben und schreibt, nicht Mangel, sondern Übermaß an Sinn ist das Problem. Nur Unsinn, Nichtsinn und Widersinn helfen, das auszuhalten. Klingt jetzt irgendwie erst mal, also ich hab gedacht, das passt ja irgendwie perfekt zu meiner Folge, aber was meint er denn eigentlich damit? Und das erklärt er natürlich zum Glück auch in diesem Artikel. Und zwar kommt er so ein bisschen darauf, dass wir Menschen suchen nach Sinn im Leben, aber eigentlich gibt es sozusagen nicht diesen einen vorgefertigten Sinn. Sondern er sagt, dass der Sinn des Lebens ist das Leben selbst. Also das Leben an sich ist sinnvoll so. Und weil sein eigener Sinn, weil das Leben sein eigener Sinn ist, ist es vom Sinn durchdrängt. Der Sinn umgibt uns sozusagen wie so eine Art Atmosphäre um uns herum. Und die Frage ist einfach nur, wozu, was geben wir eine Bedeutung? Weil Sinn bedeutet ja auch immer eigentlich Verbindung, dass wir eine Verbindung schaffen, etwas eine Bedeutung geben und dann wird es für uns quasi sinnvoll. Und dadurch, dass Frank-Augustin sagt, das Leben sei sinnvoll an sich, fragt er sich, sind wir dann nicht irgendwie zum Sinn verurteilt und macht uns das nicht auf eine Art sogar unfrei.

Denn je mehr ich sozusagen versuche, mein Leben sinnvoll zu gestalten, dem Leben Sinn zu verleihen, es zu ordnen, er sagt, desto mehr Schranken baue ich mir eigentlich auf. Weil der, der ständig nach dem Sinn des Lebens sucht, merkt irgendwann gar nicht mehr, dass er mitten im Sinn feststeckt. Also so ein bisschen wie dieses Beispiel, der Fisch schwimmt im Wasser und weiß eigentlich gar nicht, dass er im Wasser ist oder er weiß nicht, was Wasser ist, weil das eigentlich schon was anderes ist, aber egal.

Und dann kommt er zu dem Punkt, dass Sinn sich eigentlich nur dann abzeichnet, wenn das Gegenteil erkennbar bleibt, nämlich der Unsinn oder auch der Nichtsinn oder der Widersinn. Das sind natürlich nochmal so irgendwie Unterkategorien, aber wenn alles sinnvoll ist, dann ist ja eigentlich nichts mehr sinnvoll. Und trotzdem ist das Leben an sich für sich sinnvoll. Und Augustins Pointe, so habe ich es zumindest verstanden, ist, dass wir vielleicht gerade deshalb den Unsinn brauchen, damit da sozusagen so diesen übermächtigen Sinn, der wie so ein Demoklesschwert über uns schwebt, aufbricht und uns eigentlich wieder so ein bisschen Luft zum Atmen schafft.

Und das passt auch, finde ich, sehr gut zu dieser Brainrot-Geschichte, weil irgendwie, ich kenne das selber total gut, man versucht ja auch in der Form, sein Leben sinnvoll zu gestalten, dass man sich eine Art Identität aufbaut. Also auf mich bezogen, ich bin die Journalistin, ich mache diesen Podcast, ich mag Philosophie, ich mag irgendwie Kunst, ich mag irgendwie Gesellschaftskritik, mich damit zu beschäftigen. Das heißt, ich gehe dann irgendwie ins Theater, ich trinke auch gerne meinen bescheuerten Flat White mit Hafermilch, also darum ist ja schon eine gewisse Identität konstruiert, die irgendwie auch so kuratiert ist.

Und wenn ich aber immer alles so sinnvoll in dieses Muster weiter einordne, ist das irgendwie auch ganz schön anstrengend und langweilig und irgendwie tut es auch gut, daraus mal auszubrechen. Also zu sagen, okay, warum muss ich denn jetzt immer exakt das machen, was sozusagen stimmig und passend ist dazu, sondern wenn man unberechenbar bleibt und eigentlich sich öfter mal auf etwas einlässt, so keine Ahnung, warum nicht mal nach Malle an den Ballermann irgendwie fahren? Auch wenn das vielleicht nicht so in das Konstrukt meiner Identität passt, was ich mir da irgendwie erschaffen habe, aber es kann ja was passieren, was total interessant ist.

Und das ist so ein bisschen das, was ich sagen würde, was ich auch aus der Folge für mich mitnehme, weil ich in der Recherche ja selber immer eigentlich auf neue Gedanken stoße und da war noch viel, viel mehr dabei, aber ich dachte mir, ich will diese Folge auch nicht überladen mit Sinn. Ich mache dann einfach noch eine weitere Folge und ich weiß jetzt noch nicht, ob ich irgendwie an den Ballermann fahre, aber es gibt ja auch andere Formen von öfter mal Nonsens machen, der keinen Sinn ergibt. Mir fällt jetzt spontan nicht unbedingt was ein, aber ich kenne das zum Beispiel auch aus dem Impro-Theater. Da ist es ja auch so, dass es erst dann häufig komisch und gut wird, wenn es eigentlich keinen Sinn ergibt. Wenn man was macht, wenn A nicht auf B folgt, äh B nicht auf A folgt, sondern halt Y so. Und ja, vielleicht ist das so ein bisschen das, was ich aus dieser Folge mitgeben möchte auch als Gedanke.

Outro

Spannend fände ich auch die Frage an euch, welcher Unsinn, ja, gibt euch Sinn? Schreibt mir gerne Gedanken, entweder per Mail an redaktion@sinneswandel.art oder per Insta oder per Brieftaube oder welchen Weg ihr auch immer findet. Und falls euch meine Arbeit gefällt, dann freue ich mich natürlich, wenn ihr mich unterstützt. Das geht entweder, indem ihr den Podcast teilt oder auch natürlich über Steady. Da könnt ihr Mitgliedschaften abschließen oder über PayPal. Da habe ich alles in den Shownotes zu verlinkt. Natürlich auch alle Quellen, weil nicht alles davon wüsste ich, bevor ich diese Folge gemacht habe. Ja, und damit verabschiede ich mich. Danke an euch fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal im Sinneswandel-Podcast.

1. Oktober 2025
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