In dieser Folge des Sinneswandel-Podcasts gehe ich der Debatte um sogenannte „Lifestyle-Teilzeit“ nach. Ausgelöst wurde sie durch politische Forderungen, wonach Teilzeit nur aus „legitimen Gründen“ wie Care-Arbeit oder Weiterbildung erlaubt sein solle. Freizeit wird dabei moralisiert – und persönliche Lebensgestaltung zur gesellschaftlichen Bedrohung erklärt.
Ich spreche über Arbeit, Erschöpfung und Produktivität: darüber, warum immer mehr Menschen ihre Arbeitszeit reduzieren wollen, warum vor allem Frauen in Teilzeit arbeiten und weshalb Burnout längst kein individuelles Problem mehr ist. Anhand von Stimmen aus Journalismus, Ökonomie und Pädagogik frage ich, ob mehr Arbeit wirklich mehr Wohlstand bedeutet – oder ob freie Zeit nicht ein zentraler Bestandteil einer funktionierenden Demokratie ist.
Es geht um Ungleichheit, Erbschaften, Care-Arbeit und um die Frage, warum Erschöpfung privatisiert wird, während Produktivität öffentlich verhandelt wird. Und darum, ob eine wohlhabende Gesellschaft nicht weniger fragen sollte, wie sie Menschen zu mehr Arbeit bringt – sondern warum freie Zeit überhaupt als Problem gilt.
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►Sinneswandel Podcast: Recht auf Faulheit: Zeit & Muße demokratisieren?
►Hannah Arendt (1958): Vita activa oder Vom tätigen Leben)
►Paul Lafargue (1883): Recht auf Faulheit)
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► Statistisches Bundesamt: Fast jede zweite erwerbstätige Frau arbeitet in Teilzeit
► MIT: Antrag Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit
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Wem gehört unsere Zeit?
„Ich bin mir sicher, keine und keiner von uns wird auf dem Sterbebett sagen: Hätte ich doch bloß mehr gearbeitet.“ Mit diesem Gedanken beginnt diese Folge – und mit einer Frage, die gerade erstaunlich politisch geworden ist: Wem gehört eigentlich unsere Zeit?
Ausgangspunkt ist ein virales Video von Julian Kamps, der nach wenigen Wochen Vollzeit-Arbeit erschöpft feststellt, dass ein 100-Prozent-Job für ihn nicht aufgeht. Man kann darüber spotten oder es als privilegiert abtun. Spannender ist aber die dahinterliegende Frage: Warum reagieren wir so empfindlich, wenn Menschen ihre Arbeitszeit infrage stellen?
Die „Lifestyle-Teilzeit“-Debatte
In der politischen Debatte tauchte zuletzt ein Begriff auf, der viel über unsere Haltung zu Arbeit verrät: Lifestyle-Teilzeit.
Der Wirtschaftsflügel der Union argumentierte, Teilzeitarbeit sei nur dann legitim, wenn sie „gute Gründe“ habe – etwa Kinderbetreuung, Pflege oder Weiterbildung. Alles andere gelte als Luxus.
Damit verschiebt sich die Debatte. Denn plötzlich geht es nicht mehr um Strukturen oder Rechte, sondern um individuelle Moral. Freie Zeit erscheint als Laune, nicht als legitimer Teil eines Lebens.
Journalistin Mareike Kaiser nennt den Begriff deshalb menschenverachtend. Und tatsächlich wirkt er vor allem deshalb so stark, weil er Teilzeit emotional auflädt: als egoistisch, als bequem, als unsolidarisch.
Aber warum wird Frei-Zeit überhaupt moralisiert?
Lifestyle als Bedrohung?
Wenn Politiker sagen, Work-Life-Balance gefährde den Wohlstand, dann wird persönliche Lebensgestaltung zur nationalen Frage. Gleichzeitig bleibt Erschöpfung eine private Angelegenheit.
Dabei zeigen Zahlen etwas anderes: In Deutschland werden so viele Arbeitsstunden geleistet wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Das liegt unter anderem daran, dass mehr Frauen arbeiten – oft in Teilzeit. Besonders in Pflege, Erziehung und sozialen Berufen ist Teilzeit keine Lifestyle-Entscheidung, sondern eine Überlebensstrategie.
Ökonom Marcel Fratzscher weist darauf hin, dass wir nicht fragen sollten, wer Teilzeit arbeitet, sondern wie viele Stunden insgesamt geleistet werden. Denn Arbeit verschwindet nicht – sie verteilt sich nur anders.
Die eigentliche Frage lautet daher nicht: Arbeiten wir zu wenig? Sondern: Wessen Zeit gilt als wertvoll – und wessen nicht?
Zeit-Wohlstand und Ungleichheit
Gleichzeitig lohnt sich ein Blick auf Vermögen. Jährlich werden in Deutschland rund 400 Milliarden Euro vererbt. Hunderttausende leben vollständig von Kapitalerträgen – ohne Erwerbsarbeit.
Während also Lohnabhängige ihre Zeit rechtfertigen müssen, bleibt leistungsfreier Wohlstand politisch erstaunlich unangetastet. Lifestyle wird hier nicht problematisiert, sondern normalisiert.
Deshalb stellt sich eine andere Frage: Ist Teilzeit wirklich das Problem – oder eher eine Gesellschaft, die freie Zeit nur dann akzeptiert, wenn sie ökonomisch begründet ist?
Hier zeigt sich ein Widerspruch: Während Teilzeit moralisch problematisiert wird, bleiben Vermögensungleichheit und Steuerprivilegien weitgehend unangetastet. Die Frage nach Wohlstandssicherung wird individualisiert, obwohl strukturelle Hebel existieren.
Wer arbeitet eigentlich – und wie viel?
Ökonomische Daten zeigen: In den letzten Jahren wurden so viele Arbeitsstunden geleistet wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Grund dafür ist vor allem, dass mehr Menschen arbeiten – insbesondere Frauen, häufig in Teilzeit.
Fast jede zweite Frau arbeitet in Teilzeit, bei Männern sind es deutlich weniger. Viele Teilzeitbeschäftigte würden gerne mehr arbeiten, während viele Vollzeitbeschäftigte ihre Stunden reduzieren möchten. Oft verhindern fehlende Kitas, steuerliche Anreize oder starre Arbeitsmodelle genau das.
Erschöpfung als privates Problem?
Burnout-Symptome betreffen inzwischen jede fünfte arbeitende Person. Viele reduzieren ihre Stunden nicht aus Bequemlichkeit, sondern um gesund bleiben zu können.
Die Erziehungspädagogin Sophie Brauer bringt es so auf den Punkt: Erst durch Teilzeit konnte sie wieder gerne arbeiten. Der Beruf war nicht weniger wichtig – aber endlich leistbar.
Hier zeigt sich ein Widerspruch: Produktivität gilt als verhandelbar, Belastung nicht. Dabei stellt sich längst die Frage, ob mehr Arbeit überhaupt mehr Leistung bedeutet – oder ob das Gegenteil der Fall ist.
Warum wird Produktivität öffentlich verhandelt – Erschöpfung aber privatisiert?
Mehr Arbeit = mehr Produktivität?
Die Annahme, dass längere Arbeitszeiten automatisch zu mehr Wohlstand führen, hält einer genaueren Betrachtung kaum stand. Studien zur Vier-Tage-Woche zeigen: Produktivität und Zufriedenheit können steigen, Kündigungen sinken. Viele Beschäftigte wünschen sich kürzere Arbeitszeiten – selbst bei geringerem Gehalt.
Die Debatte wirkt daher weniger wie ein Generationenkonflikt als wie ein Wertewandel.
Arbeit, Sinn und Privilegien
Nicht alle können in ihrer Arbeit aufgehen. Gute Arbeitsbedingungen, Anerkennung und faire Bezahlung sind Privilegien. Für viele Menschen ist Erwerbsarbeit vor allem eine Frage der Möglichkeiten – geprägt durch Herkunft, Geschlecht, Migrationserfahrung oder fehlende Anerkennung von Qualifikationen.
Rund 15 Millionen Menschen arbeiten in Deutschland unter ihrem Qualifikationsniveau. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Muss Lohnarbeit immer sinnstiftend sein? Und ist es legitim, weniger davon zu wollen?
Wofür leben wir eigentlich?
Schon Paul Lafargue sprach im 19. Jahrhundert vom „Recht auf Faulheit“. Seine Idee war radikal: Maschinen sollten Arbeit reduzieren, nicht vermehren. Freizeit verstand er nicht als Luxus, sondern als Voraussetzung für ein anderes Leben.
Auch Hannah Arendt warnte davor, Arbeit zum alleinigen Sinnstifter zu machen. Sie unterschied zwischen Arbeiten, Herstellen und Handeln – und betonte, dass politisches, kreatives und gemeinschaftliches Handeln Zeit braucht, die nicht ökonomisch verwertet wird.
Ohne diese Zeit, so Arendt, verarmt die Welt. Nicht finanziell, sondern gesellschaftlich.
Was Wohlstand bedeuten könnte
Vielleicht liegt der Kern der Debatte genau hier: Eine wohlhabende Demokratie sollte nicht fragen, wie sie Menschen zu mehr Erwerbsarbeit zwingt. Sondern warum Freizeit überhaupt als moralisches Problem gilt.
Denn Zeit ist nicht nur Produktivitätsfaktor. Sie ist Voraussetzung für Fürsorge, Engagement, Demokratie – und für ein Leben, das mehr ist als Arbeit.