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Sinneswandel

Uwe Schneidewind: Nachhaltige Entwicklung, eine kulturelle Revolution? (Teil 1)

von Marilena 28. Oktober 2019

In der Nachhaltigkeitsdebatte werden wir als Bürger*innen häufig auf die Rolle der Konsument*innen reduziert. Wir sollen doch einfach verzichten und bewusstere Entscheidungen treffen, dann wird das schon. Natürlich ist dieser Hebel nicht außer Acht zu lassen, allerdings wird diese Reduzierung nicht unserem Potential gerecht. Wir können weitaus mehr tun, sagt Prof. Dr. Uwer Schneidewind. Wenn wir uns als Zukunftskünstler*innen begreifen, die in der Lage sind, ihre Handliungsspielräume zu nutzen und aktiv Zukunft mitzugestalten.

Professor Dr. Uwe Schneidewind ist Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie und Professor für Innovationsmanagement und Nachhaltigkeit an der Bergischen Universität Wuppertal. Er ist Mitglied des Club of Rome und des wissenschaftlichen Beirats für globale Umweltfragen. Aktuell sieht ihn die FAZ unter den 100 einflussreichsten Ökonomen, das Cicero-Ranking zählt ihn aktuell zu den 500 wichtigsten deutschsprachigen Intellektuellen.

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SHOWNOTES:
► Zum Wuppertal Institut hier entlang.
► Weitere Informationen zur „Zukunftskunst“ findest hier.
► Das Buch „Die Große Transformation“ von Prof. Dr. Uwe Schneidewind kannst du hier erwerben.

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28. Oktober 2019

Brauchen wir ein neues Naturverständnis?

von Marilena 7. Oktober 2019

Wenn wir von „der Natur“ sprechen, dass sie, insbesondere im Anbetracht der Klimakrise, schützenswert sei, schließen wir uns dann nicht selbst davon aus? Dabei sind wir doch eigentlich untrennbar mit ihr vereint. Als ein Teil von ihr haben wir uns in den vergangenen Jahrzehnten scheinbar immer mehr von ihr distanziert und schlussendlich sogar entfremdet. Sehen wir die Natur heute doch zunehmend als reine Ressource, die es nutzbar zu machen gilt. Und eben dieses Naturverständnis, in dem wir die Erde ausbeuten, scheint uns nun zum Verhängnis zu werden. In diesem Zusammenhang, geprägt von meinem Aufenthalt in den Bergen Südtirols, wo ich die letzten Tage in der Natur verbracht habe, sind mir einige Gedanken durch den Kopf gegangen, inwiefern ein neues Verständnis und damit auch ein neues Verhältnis zur Natur uns bei der Bewältigung der globalen ökologischen Herausforderungen helfen könnte. Im Gleichzug hätte dieser Paradigmenwechsel wohl auch einen Mehrwert für die Lebensqualität eines jeden Einzelnen und würde das „Miteinander“ auf unserem Heimatplaneten neu definieren.

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SHOWNOTES:
► Das Interview mit Andreas Weber auf Deutschlandfunk Kultur kannst du dir hier anhören.
► Das Interview mit Bruno Latour im Philosophie Magazin, aus welchem ich zitiert habe, kannst du hier nachlesen.

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TRANSKRIPT:


„Seit ein paar Tagen bin ich zurück in Hamburg. Befinde mich also wieder mitten im Großstadtgewimmel und versuche mich an den Lärm, Verkehr und die Menschenmengen wieder zu akklimatisieren. Das geht erschreckend schnell, zumal ich es ja seit klein auf gewohnt bin, hier zu leben. Auf der anderen Seite, spüre ich eine Art Widerstand in mir. Die letzten Wochen Reisen und insbesondere die Zeit in den Bergen in Südtirol haben Spuren bei mir hinterlassen, die sich nicht so einfach wegradieren lassen. Sie haben ein Gefühl in mir wieder aufkeimen lassen, das ich so schon länger nicht mehr gespürt habe. Ein unbeschreibliches Gefühl des Einssein mit der Natur. Den Verlust jeglichen Zeitempfindens, wenn ich durch die Berge gewandert bin. Vorbei an kristallklaren Bergseen, schroffen Felswänden und saftig grünen Wiesen. Manchmal war ich den ganzen Tag unterwegs, oft ganz alleine, ohne, dass mir je langweilig beim Wandern geworden wäre. Ich habe das bewusste, mich in der Natur Fortbewegen, als meditativ empfunden. Unbeschreiblich wohltuend. Aber vermutlich kennst du das Gefühl auch und hast es selbst schon einmal so oder ähnlich erlebt. Wenn nicht, ab in die Natur mit dir!

Bevor ich weiter ins Schwärmen komme und kein Ende finde, vielleicht ein paar Worte vorweg, weshalb ich diese Podcast Folge aufnehme und was dich erwarten wird:

Während ich durch die Berge gewandert bin, sind mir natürlich auch so einige Gedanken durch den Kopf gegangen. Vor allem die Frage, wie es dazu kam, dass wir als Menschen begonnen haben, uns als etwas von der Natur Getrenntes, etwas Abgespaltenes, zu begreifen. Ich würde sogar so weit gehen und behaupten, dass sich ein großer Teil der Menschheit von der Natur entfremdet hat. Es fehlt der Bezug, der direkte Kontakt, der oft schon in der Kindheit nicht mehr vorhanden ist, wenn man in Großstädten aufwächst. Ich vermute also, dass sich unser Naturverständnis und dadurch auch unser Verhältnis zur Natur immens verändert hat. Nicht nur in den letzten Jahren, sondern seit Beginn der Menschheit und stark von unseren gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen geprägt wird. Man kann sagen, dass unser aktueller Naturbezug als konsequente Linie früherer und bis heute wirksamer Naturauffassungen entstanden ist. Dabei meine ich mit dem Naturverhältnis unseren direkten Umgang mit der Natur. Das Naturverständnis sehe ich hingegen auf rein geistiger Ebene angesiedelt und es ergibt sich aus dem Wechselspiel zwischen Umwelt und Wahrnehmung unter dem Einfluß unserer persönlichen Vorerfahrungen, Werte usw. Unser Naturverständnis prägt also unser Naturverhältnis. Und ich glaube, dass wir uns zu einem großen Teil, über diesen Einfluss gar nicht bewusst sind. Dass unser Verhältnis zur Natur niemals unabhängig vom allgemeinen Weltbild ist. Sondern es ist immer auch ein Verhältnis zu uns selbst, zu unserem Körper und geistigen Wirklichkeit sowie unserer sozialen Umwelt.

Und ich bin davon überzeugt, dass, wenn wir ein neues Naturverständnis entwickeln würden, in dem wir uns als Teil der Natur begreifen, eine völlig neue Realität und Umgang, sowohl mit uns selbst, unseren Mitmenschen, anderen Lebewesen und der Umwelt entstehen würde. Weshalb ich der Überzeugung bin, möchte ich dir gerne in der heutigen Folge erläutern. Ich glaube nämlich, dass insbesondere im Anbetracht der globalen Klimakrise, wir gar keine andere Chance haben, als unser Naturverständnis und -verhältnis radikal zu überdenken, um eine Lebensweise entwickeln zu können, die nicht unsere Existenzgrundlage und damit auch uns selbst ausrottet.

Denn was wir heute, im modernen Finanzkapitalismus des 21. Jahrhunderts beobachten können, ist eine maßlose Ausbeutung der Natur. Wir führen ein Herrschaftsverhältnis über die Natur und sehen sie zunehmend als reine Ressource, die es nutzbar zu machen gilt. Man spricht nicht umsonst seit einigen Jahren vom Beginn eines neuen Zeitalters – dem Anthroprozän. Den Begriff hat der Wissenschaftler uns Nobelpreisträger Paul Crutzen geprägt, indem er auf der Konferenz des Weltklimarats im Jahr 2000 sagte: »Es erscheint mir angemessen, die gegenwärtige, vom Menschen geprägte Epoche als Anthropozän zu bezeichnen.« Was er damit sagen möchte ist, dass wir als Menschen zur größten Naturgewalt geworden sind und enormen Einfluss auf die Entwicklung unserer Erde ausüben. Mittlerweile ist sich die führende Wissenschaft ja auch einig, dass der Klimawandel zum Großteil menschen-verursacht ist. Und es insofern auch an uns und unserem Verständnis und Verhältnis zur Natur liegt, das sinkende Schiff noch zu retten.

Man könnte sagen, dass sich in unserem heutigen Naturverhältnis, dabei meine ich vor allem das der Industrieländer, ein Dualismus zwischen Naturnutzung bzw. -zerstörung und Naturschutz, zeigt. Entweder sind wir jene, die die Natur zum Objekt machen und schonungslos ausbeuten oder wir sehen uns als ihr Retter und Beschützer vor der Bestie Mensch, die sie auszurotten droht. In beiden Sichtweisen betrachten wir uns aber als etwas Außenstehendes. Nicht als Teil der Natur. Und ich glaube, das ist fatal. Um das zu verstehen, ist es vielleicht interessant, kurz zu erläutern, wie sich unser Naturverständnis in der Geschichte entwickelt hat. Denn das war ja nicht immer so. 

In der griechischen Antike zum Beispiel, machte man, wenn man von einem Leben in der Natur sprach, keinen Unterschied zwischen Leben und Natur. Die Natur nahm den gesamten Erfahrungsbereich des Menschen ein. Was sich auch in ihrem Wortgebrauch widerspiegelt. Denn der Begriff Natur bzw. das lateinische Wort natura kommt von nasci und hat wie das entsprechende griechische Wort physis den Sinn von geboren werden oder entstehen und meint die gesamte Natur. Also auch den Menschen. Alles Werden, Wachsen und dessen Wesenskern. Einige Philosophen, wie Platon und Aristoteles haben sich auch intensiv mit der Natur auseinandergesetzt. Aber das aufzugreifen, würde den Rahmen hier sprengen. Vielleicht ein anderes Mal. 

Nichtsdestotrotz hat sich schon in der Antike mit dem Aufkommen der Philosophie und den damit einhergehenden Distanzierungs- und Objektivierungsprozesse, der Mensch begonnen, in seiner Vorstellung, von der Natur zu lösen und sich ein geistiges Bild von ihr zu machen. In der mittelalterlichen Theologie ist dann der Gott in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt, der nicht mehr in der Natur gewirkt hat, sondern ihr und uns Menschen und der Welt gegenüberstand. Der Bibelspruch: „Macht euch die Erde untertan“, zeigt sehr gut, dass die Natur zu eine Art Symbol für den Willen Gottes wurde und somit auch neue Handlungsmöglichkeiten für uns Menschen im Umgang mit der Natur entstanden. 

Im Zeitalter der Renaissance und Aufklärung ist dann der Mensch, seine Individualität sowie seine auf sich bezogene perspektivische Wahrnehmung in das Zentrum des Bewusstseins gerückt. Und die Naturbetrachtung wurde vor allem durch Wissenschaftler, wie Kopernikus, Galileo, Kepler und Bacon geprägt, die begannen, die Gesetzmäßigkeiten der Natur systematisch und über Experimente zu erforschen und mathematisch zu erklären. René Descartes hat dann noch einen oben drauf gesetzt, indem er die begriffliche Spaltung von Subjekt und Objekt eingeführt hat. Er ging nämlich davon aus, dass nur wir Menschen einen Geist besitzen und demnach über allen anderen Lebewesen stehen. Man könnte sagen, dass hier das bewusste Herrschaftsverhältnis des Menschen gegenüber der Natur begonnen hat und sie damit auch ihren bedrohlichen Charakter verloren hat und zur Ressource wurde. Aber in der Renaissance begann nicht nur die rationale Erforschung und Nutzung der Natur, sondern man nahm sie auch in einer neuen Weise wahr: Sie wurde zur ästhetischen Landschaft. Denn erst urbanes Leben hat ja die notwendige Distanz ermöglicht, dass wir in die Natur hinausgehen können, um sie bewusst wahrzunehmen und zu genießen. 

Deshalb gab es während der fortschreitenden Industrialisierung, in der die Natur immer mehr ausgebeutet wurde, auch eine Gegenbewegung, nämlich die Epoche der Romantik um 1800. Rousseau war einer ihrer Vorreiter, mit seinem Slogan „Zurück zur Natur“, den du bestimmt schon mal gehört hast. Den nutzte er ursprünglich als Gesellschaftskritik gegen den unfreien und damit unnatürlichen Zustand des Menschen, allerdings wurde er mit zunehmender Verstädterung im 19. Jahrhunderts von den Romantikern auch auf die „natürliche“ Landschaft bezogen, die als eine Art Zufluchtsort gesehen wurde. Also ein bisschen so wie heute, wenn wir uns als Großstadtmenschen ein überromantisiertes Bild vom Landleben machen. 

So, last but not least, denn dann sind wir auch beinahe schon in der Gegenwart angekommen. Im 20. Jahrhundert hat uns Einstein mit der Relativitätstheorie beschenkt und die Quantentheorie wurde mehr erforscht. Die Welt wurde also noch stärker rationalisiert. Dank Wissenschaft und Technik können wir die Natur immer stärker kontrollieren oder haben zumindest das Gefühl es zu tun. Denn durch den Klimawandel und das zunehmende Bewusstsein für die schädlichen Nebeneffekte unseres Handelns, könnte man sagen, hat unserer unbeirrter Fortschrittsglaube einen Knacks bekommen. Und die alleinige Naturbeherrschung scheint nicht mehr fortschrittlich zu sein. Und so ist als unsere jüngste gesellschaftliche Entwicklung eine erneute Wertsteigerung der Natur entstanden, die die Natur als rein und schützenswert betrachtet und sich für eine allgemein anerkannte Notwendigkeit von Natur- und Umweltschutz einsetzt.

Tja, und da stehen wir heute also. Mit verhärteten Fronten. Auf der einen Seite jene, die Die Nutzung der Natur als Grundlage für unsere Wirtschaft und den gesellschaftlichen Fortschritt sehen. Und auf der anderen Seite die Fraktion-Greta, die die Natur vor den bösen, unersättlichen Kapitalisten retten wollen. Und ich glaube, beides wird uns in den Abgrund führen. Bzw. beide Sichtweisen alleine für sich stellen keine Lösung dar. 

Der Philosoph und Biologe Andreas Weber, der erst vor kurzem auf Deutschlandfunk Kultur ein Interview gegeben hat, bringt es, meiner Meinung nach gut auf den Punkt. Er sagt darin unter anderem: „Wir brauchen dringend eine neue Kosmologie, eine neue umfassende Weltsicht“ und, dass die Trennung von Mensch, Kultur und Natur nicht mehr funktioniere. Dass sie sogar nie funktioniert hat. Weber ist der Auffassung, dass wir, um im Einklang mit der Natur leben zu können, uns wieder als Teil von ihr begreifen sollten. Ähnlich, wie die indigenen Völker, die wir als Industrienationen ja leider als primitiv ansehen, da sie es in unseren Augen nicht schaffen, sich die Erde zum Untertan zu machen. Was Andreas Weber aber meint, ist eine Art moderne Indigenialität, „die sich als aktiven Teil eines sinnvollen Ganzen versteht und so handelt, dass die eigene Lebensqualität die des Ganzen steigert.“ Was er damit meint, ist natürlich auch eine neue und nachhaltige Form des Wirtschaftens, die aus eben diesem Naturverständnis resultiert, sowie eine Politik, die dafür die notwendigen Rahmenbedingungen schafft. Besonders bewegt hat mich, dass Andreas Weber dafür plädiert, „dass unser Bildungssystem die Welt des Herzens und der Seele mit inkludiert“ und unsere Kinder nicht alleine zu effizienz-getriebenen Ameisen herausbildet.

Denn auch meine Erfahrung ist, dass es kaum etwas wohltuenderes gibt, als sich in der Natur als Teil eines größeren Zusammenhangs zu erfahren. Diese Verbindung zu spüren. Einerseits zu sich selbst, aber auch zum Ganzen. Wir fühlen uns dann lebendig. Und ich glaube, dass ist es auch, was so viele Menschen in ihrer Freizeit aus den Städten in die Natur treibt. Die Sehnsucht nach authentischen Erfahrungen und dem Gefühl, sich selbst zu spüren. Etwas, das wir uns in einer Welt der Kontrolle und des rationalen Verstandes, kaum noch zugestehen. Wir versuchen alles zu verstehen und in einzelne Bauteile zu zerlegen. Aber schon Alexander von Humboldt schrieb einst, man müsse die Erscheinung der Dinge in ihrem Zusammenhang sehen, um alles Geschaffene im Himmel und auf der Erde zu verstehen.

Der Soziologe, Anthropologe und Wissenschaftsphilosoph Bruno Latour plädiert sogar für eine sprachliche Symbiose von Mensch und Natur, um das neue Naturverständnis zu manifestieren. Er nennt das dann „Nat/Cul“, also die Abkürzung für Nature und Culture. Latour meint damit, dass wir ein anderes Konzept der Natur brauchen. Denn, wenn wir sagen, dass ein Phänomen natürlich ist oder man „in der Natur“ ist, schließen wir uns selbst aus, wir zählen uns dann selbst nicht zur Natur. Er sagt auch, wir sollten aufhören, eine idealisierte Natur bewahren zu wollen, die nie existiert hat. Denn sie ist, in Latours Welt, ein veränderliches Organismus an sich. Und nicht nur ein Objekt politischen Handelns. Er geht sogar so weit, dass er in den Parlamenten, neben den Repräsentanten der Länder, auch einen Rat für die nicht-menschlichen Organismen, wie z. B. die Meere, einfordert. Das wäre nur konsequent, wenn wir uns als Teil der Natur begreifen.

Davon sind nur derweilen leider noch ein Stück weit entfernt, auch, wenn ich glaube, dass wir gerade in den letzten Jahren, insbesondere durch die aktive Klimapolitik, schon etwas vorangekommen sind. Ich bin zumindest eher optimistisch, als pessimistisch und sehe in dem Wandel eines gesellschaftlichen Naturverständnis, der zunächst bei jedem einzelnen von uns beginnt, eine große Chance, für das Bestehen unseres kleinen, blaue Planeten, sowie uns Menschen.

Was wir dafür tun können? Na ganz einfach, mehr Zeit in der Natur verbringen. Als natürlichen Bestandteil unseres Alltags. Nicht als Gegensatz. Am besten von kleinauf. Statt drinnen vor dem Computer oder Fernseher zu hocken, könnten wir in die Wiesen, Wälder und Berge gehen. Sie bewusst wahrnehmen. Die Verbindung zu ihr spüren. Und ja, ich weiß, jetzt kommen die ganzen Abers. „Aber das geht doch nicht Marilena! Ich muss doch arbeiten und mein Kind ist im Kindergarten und und und.“ Stimmt. Wobei das natürlich auch Entscheidungen sind, die wir mal mehr, mal weniger freiwillig getroffen haben. Aber man kann ja klein anfangen. Täglich ein Spaziergang. Ein Aktivurlaub in den Bergen statt einem Städtetrip. Ein paar Pflanze oder gar Gemüse anbauen. Und sei es auf dem Balkon. Oder, sich für politische Maßnahmen einsetzen. In der Bildung, bei sozialen Projekten oder eigene Ideen und Konzepte, für ein neues Naturverständnis entwickeln und präsentieren.

Ich, für meinen Teil, habe mir zumindest fest vorgenommen, jede freie Minute, in der ich die Lust verspüre, nach draußen zu gehen. ich kann mir auch gut vorstellen, eines Tages nicht mehr in der Stadt zu wohnen. Auch, wenn die Lebensverhältnisse, vielleicht etwas einfacher auf dem Land sind, ist in meinen Augen die Lebensqualität deutlich höher. Natürlich herrscht auch dort nicht Friede-Freude-Eierkuchen, aber ich habe das Gefühl, dass die Menschen dort einen anderen, bewussteren Umgang mit der Natur und anderen Lebewesen pflegen. Das mag meinem kurzen Eindruck geschuldet sein, aber ich bilde mir ein, dass auch ich, als Kind, wenn ich mit meinen Eltern früher wandern war, sehr glücklich war und es mich durchaus bis heute geprägt hat. Weshalb würde ich sonst heute freiwillig alleine in den Wanderurlaub fahren, statt nach New York zu fliegen?!“

7. Oktober 2019

Im Gespräch mit Harald Welzer über Zukunftsverdrossenheit und Utopien

von Marilena 1. Oktober 2019

Was meinen wir eigentlich, wenn wir von „DER Zukunft“ sprechen? Gibt es die überhaupt? Zeichnet sich Zukunft nicht gerade dadurch aus, dass sie noch nicht existiert? Und wie kommt es, dass wir uns heute scheinbar kaum noch eine bessere Zukunft vorstellen können? Zukunftsverdrossenheit, nennt das der Soziologe und Publizist Harald Welzer. Er hat mehrere Bücher geschrieben, darunter auch „Alles könnte anders sein: Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen“, welches ich erst kürzlich selbst gelesen habe. Nun freue ich mich umso mehr, dass ich ihn heute im Podcast zu Gast habe.

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1. Oktober 2019

Slow Travel – ein Sinneswandel oder nur ein Trend?

von Marilena 22. September 2019

Jede Reise, dessen sollte man sich bewusst sein, hinterlässt einen ökologischen Fußabdruck auf unserem kleinen, blauen Planeten. Immer mehr Menschen werden sich auch im Zuge der Klimadebatte darüber bewusst. Gepaart mit aktuellen Eindrücken während meiner Italien-Reise habe ich mich näher mit dem Phänomen „Slow Travel“ auseinandergesetzt, mit Fokus auf den Chancen und Möglichkeiten, die sich darin für jeden Einzelnen, aber auch für uns als Gemeinschaft verbergen.

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Slow Travel – Ein Sinneswandel oder nur ein Trend?

Vielleicht hast du, wenn du mir auf Instagram folgst, mitbekommen, dass ich gerade auf Reisen bin. Um genau zu sein bin ich mit dem Zug aus Hamburg mit einem Zwischenstopp zum Wandern in Garmisch-Partenkirchen nach Italien gefahren. Während ich diese Folge aufnehme, sitze ich gerade in meinem Dachzimmer auf einem kleinen Bauernhof in den Bergen in der Amalfi Küste. Falls du also einen Esel oder Hund hörst, weißt du wenigsten bescheid. 

Ich habe übrigens bewusst nicht „Urlaub“ sondern Reisen gesagt. Warum? 

Erst kürzlich habe ich gelesen, dass das Wort „Urlaub“ sich aus dem althochdeutschen Wort „urloub“ ableitet, was erlauben heißt. Und bezeichnete damals die Erlaubnis, sich zu entfernen, wenn einem der Arbeitgeber oder Dienstherr ein paar Tage Freizeit gewährte. Allein deshalb widerstrebt es mir irgendwie schon, das Wort Urlaub zu verwenden, da ich keinen Arbeitgeber oder Chef im klassischen Sinne habe, der mir solch eine Erlaubnis erteilen könnte.

Weiterhin impliziert das Wort Urlaub für mich, dass es etwas gäbe, von dem ich mich ausruhen müsse. Als sei Urlaub das Pendant zum Alltag. Das, worauf man sich das ganze Jahr über freut, die Zeit die man herbeisehnt nach all der harten Arbeit. Der wohlverdiente Urlaub eben. 

Diese Sichtweise passt irgendwie nicht ganz in mein Lebenskonzept. Nicht, dass ich nicht auch mal fluche und mir angesichts der zu beantwortenden E-Mails und To-Dos die Hängematte am Strand herbeisehne. Aber grundsätzlich schätze ich mich sehr glücklich, meine Arbeit nicht als Last zu empfinden. Sondern im Gegenteil, als Bereicherung und etwas, das ich freiwillig und sehr gerne tue. Das geht oft soweit, dass ich im Urlaub – pardon, ich meine natürlich auf Reisen – mich nur selten dazu umringen kann, nichts Arbeitsbezogenes anzustellen. Die Podcast Folge, die du gerade hörst, habe ich zum Beispiel auf der Bahnfahrt von Bologna nach Neapel vorbereitet, während an meinem Fenster Weinberge und Zitronenbäume an mir vorübergezogen sind. Eine geeignetere Inspiration hätte ich mir vermutlich kaum wünschen können.

Wie dem auch sei, ich schweife ab. Denn die Arbeit soll nicht das Thema der heutigen Folge sein. Sondern das Reisen. Nicht zuletzt, da ich, wie gesagt, gerade selbst unterwegs bin und mir in letzter Zeit einige Gedanken über dieses Phänomen gemacht und mir die Frage gestellt habe, weshalb wir eigentlich ständig unterwegs sind?

So bin ich selbst erst letzte Woche voller Vorfreude in der italienischen Stadt Bolzano angekommen und konnte es kaum erwarten auf einem der Piazzas genüsslich einen Espresso zu trinken und den Menschen beim Flanieren zuzusehen. Angekommen im Zentrum, habe ich dann allerdings angesichts all der shopping-wütigen Touristen mit H&M Tüten, meine Pläne schnell verworfen und bin mit der Seilbahn in die Berge zum Wandern entflohen. Eigentlich hätte ich es ja auch ahnen können, dass meine Vorstellungen von einer romantischen italienischen Kleinstadt, die einen mit ihrer Verschlafenheit und den kleinen Gassen und Cafés zum Innehalten einlädt, enttäuscht werden würde. Statt an urigen, regionalen Kaufmannsläden schlendere ich nun an Zara, McDonalds und Gucci vorbei. Inmitten einem Strom von Touristen, auf der Suche nach der authentischen italienischen Kultur. Die ist nur leider durch eben diese Suchenden abhanden gekommen. Oder, wie der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger schreibt: „Der Tourismus zerstört, was er sucht, indem er es findet.“

Mit Weltsehnsucht oder Fernweh hat diese Form des Reisens, in meinen Augen, schon lange nichts mehr zu tun. Eskapismus trifft es da schon eher. Also ein Fluchtversuch, um der Entfremdung des arbeits- und effizienzfokussierten Alltags zu entkommen. Und all die kleinen Alltagsfluchten summieren sich schließlich zu einer weltweiten Wanderbewegung. Während es 1999 noch 635 Millionen Touristen weltweit waren, die ins Ausland gereist sind, waren es 2017 bereits 1,3 Milliarden. Und davon gehen dank Billigfliegern und Schnäppchen für Urlaubspiraten immer mehr Reisen über Kontinente und Ozeane hinweg. Unser Fernweh zu stillen ist so einfach geworden, wie noch nie zuvor. 

Man könnte meinen, der Wunsch sei, das Unbekannte, das einem Fremde  zu erforschen. Das erzählt man vielleicht auch den Freunden als Begründung, weshalb es nach Peru oder in die Antarktis geht. Aber insgeheim wünschen sich viele vor allem eines: einen reibungslosen Ablauf. Vom Abflug, über das Hotelbuffet bis hin zur Stadtführung. Bitte keinen Aufwand! Und schon gar keine Verantwortung. Es soll möglichst bequem sein. Für Unerwartetes und ungeplante Abenteuer ist da kein Platz. Die Safaris sind präzise durchgeplant. Der Fallschirmsprung und der Tiefseetauchgang inklusive. Und, damit die 7 Tage, für die man extra den Urlaub beantragt hat, auch optimal und effizient genutzt werden, hat man bereits zu Hause intensiv einen Stapel Reiseführer studiert. Damit man auch ja keine Sehenswürdigkeit, vor der man ein potentiell instagramtaugliches Selfie schießen könnte, verpasst. Ziel der touristischen Reise ist es also, könnte man sagen, die Richtigkeit der Informationen aus dem Reiseführer zu überprüfen und möglichst ein fotografisches Beweisstück mit nach Hause zu bringen. Das Wichtigste ist, dass ich beweisen kann: „ich war dort. Ich habe dort meinen Fußabdruck hinterlassen.“ 

Im wahrsten Sinne des Wortes. Die Tourismusbranche ist nämlich mit rund 8% an den weltweiten CO2-Emissionen beteiligt. Davon gehen rund 75% auf den Transport zurück. Das Reisen ist fundamental demokratisiert worden – auf Kosten ökologischer Zerstörungen. Was ich allerdings absurd finde, als ich zu dem Thema ein wenig recherchiert habe und einen Artikel vom IPCC, dem Intergovernmental Panel on Climate Change, also einem renommierten, wissenschaftliche Institution, gefunden habe, stand darin der Satz: „Die Tourismusbranche ist von zahlreichen direkten und indirekten Auswirkungen des Klimawandels betroffen“. Der Satz hat mich irgendwie irritiert. Ist es nicht eigentlich genau andersherum? Ist nicht unser kleine, blauer Planet, der vom Massentourismus betroffen ist? Aber nein, wir Menschen machen uns eher Sorgen um die Beständigkeit der Skiregionen, wenn die Temperaturen erstmal ansteigen oder um die karibischen Inselresorts bei steigendem Meeresspiegel. Ich möchte das auch keineswegs kleinreden, natürlich ist das relevant. Nicht zuletzt, da einige Länder, insbesondere einige Schwellen- und Entwicklungsländer auf die Einnahmen aus dem Tourismus bauen.

Allerdings beschweren sich immer mehr Einheimische über eben jene Menschenmengen, die täglich wie eine Invasion über die Städte aus Kreuzfahrtschiffen und Reisebussen hereinbrechen. In Spanien zum Beispiel, spricht man analog zur Gentrifizierung, schon über die sogenannte „turistificación“. Der Wohnraum in den Touristenstädten, wie Barcelona oder Mallorca wird immer knapper und teurer, da er für AirBnB-Gäste oder neue und schicke Hotels genutzt wird. Man braucht die Touristen, aber man hasst sie gleichzeitig auch. Ein ganz schön ambivalentes Verhältnis.

Irgendwie sich schade diese Entwicklung. Denn eigentlich liegen im Reisen so viele Chancen verborgen. Wenn man nicht ausgerechnet eine Pauschalreise nach Antalya bucht, die eine Begegnung mit den Einheimischen und deren Kultur meist nicht vorsieht. Ich bin fest davon überzeugt und habe es selbst erlebt, das der Blick über den Tellerrand und das Zusammentreffen mit völlig anderen Lebensweisen meinen Horizont erweitert und mich bewusster hat leben lassen. Vor allem die Reisen durch Indien und Asien, in denen ein Großteil der Menschen sehr viel weniger als ich zum Leben zur Verfügung hat, haben mir meine Privilegien noch bewusster gemacht, wie gut es mir geht. Und, wer einmal die Plastik-überschwemmten Strände Balis gesehen hat, der ist oft ab diesem Zeitpunkt deutlich sensibler für die Umweltverschmutzung. Ich kenne sogar einige, die nach Reisen ihr gesamtes Leben umgekrempelt und einem sozialen oder gemeinnützigen Projekt gewidmet haben. Z.B. das Gründer-Paar von Bracenet, die aus alten Fischernetzen Schmuck herstellen. Mit denen habe ich übrigens auch schon ein Interview aufgenommen, das ganz bald erscheint.

Also, was ich damit sagen möchte. Natürlich ist das Reisen per se nicht schlecht. Und, wie ich es beschrieben habe, ist es natürlich auch sehr pauschalisiert. Selbstverständlich gibt es auch eine Menge Menschen, die achtsamer und Ressourcen schonender unterwegs sind. Generell, habe ich das Gefühl, wird der Wunsch nach einem „sanfteren Tourismus“ größer. Hier und da ist die Rede vom sogenannten „Slow Traveling“. Also statt dem kompletten Verzicht auf das Reisen, geht es um eine neue Mentalität und innere Haltung, die sich eben auch im Handeln widerspiegelt. 

Ähnlich, wie die bereits bekanntere Slow-Food-Bewegung, hat das Slow Travel seinen Ursprung im zunehmenden Individualisierungstrend der Gesellschaft. Also z.B., dass wir statt Pauschalreisen unseren Urlaub lieber nach unseren eigenen Vorstellungen selbst gestalten wollen. Keine Touris möchten wir sein, sondern am liebsten wie Einheimische wahrgenommen werden. Also nix mehr mit Tennissocken und Sandalen. Und beim Slow Travel geht es natürlich auch um den Wunsch nach Ruhe, Innehalten „less is more“, da die Welt gefühlt immer schneller und komplexer wird. Daher brauchen wir ein Gegengewicht. Wir wollen die Effizienzmentalität des Alltags nicht auch noch in den Urlaub mitnehmen, indem wir hektisch von einer Stadt zur nächsten jetten. 

Slow Travel steht für eine Neubewertung von Erlebnissen. Es geht um die Herausforderung, die innere Spannung einer vermeintlichen „Leere“ auszuhalten und die Qualität von Angeboten richtig wertschätzen zu können. Um Entschleunigung, um das Erlebte bewusst wahrnehmen und verarbeiten zu können. Und dank dieser erlebten Erfahrungen persönlich zu wachsen und seinen Horizont zu erweitern. 

Ich glaube allerdings, dass gerade das Überangebot an Reisemöglichkeiten, oft unterbewusst Angst in uns erzeugt, etwas zu verpassen und uns auf Slow Traveling einzulassen. Theoretisch haben wir, vor allem im Westen, dank Globalisierung, die Möglichkeit die ganze Welt zu bereisen. Insbesondere mit dem deutschen Reisepass, dem wohl Privilegiertesten. Wie kann man es dennoch schaffen, diesem Angebot zu widerstehen? Und statt nach Bali zum Urlaub, in den Harz oder an die Nordsee zu fahren? Verpasst man dann nicht etwas? Muss man alles selbst gesehen haben und dort gewesen sein, um mitreden zu können? 

Denn nicht zuletzt hat die Art, wie wir reisen, ja auch etwas sehr Demonstratives. Wir drücken darüber aus, wer wir sind, wie wir gesehen werden wollen und unsere Zugehörigkeit. Das macht den Verzicht auf all die verlockenden Abenteuerreisen und Expeditionen nicht unbedingt einfacher. Ich selbst kenne diesen inneren Konflikt nur zu gut. Natürlich hätte ich Lust, andere ferne Kontinente und Kulturen kennenzulernen. Erst letztes Jahr bin ich zum ersten Mal in Asien gewesen. Auf der anderen Seite möchte ich möglichst ressourcenschonend leben.

Am naheliegendsten, um den Massentourismus etwas einzudämmen, ist vermutlich eine Erhöhung der Flugpreise. Eine solche Politik wäre ökologisch zwar konsequent, erzeugt aber ein demokratisches Paradox. Denn wer das Reisen begrenzt, droht in die Falle des Elitismus zu tappen, wenn verteuerte Fernreisen zum Privileg der Wohlhabenden werden. Beschränkung ist nötig, Verzicht aber oft ungerecht. Daher, denke ich, sollte nicht das Reisen an sich infrage stehen – wohl aber das Reisen in seiner derzeitigen Form. Das muss sich radikal ändern. Kosmetische Korrekturen wie „CO2-Abgaben“, die Fluggesellschaften in Regenwaldprojekte stecken, reichen, finde ich, nicht aus. Wir müssen das eigentliche Problem angehen: unseren Umgang mit Zeit und Entfernung. Weg vom schnellen Konsum austauschbarer Zielorte, hin zu bewusstem Genuss – Slow Travelling eben. Ein Bruch kann aber nur gelingen, wenn man sich auf das Reisen und die damit einhergehende Erfahrung von Zeit und Ort einlässt. 

Eine solche Art des Reisens ist natürlich aufwendiger. Individuelle Anpassung allein kann also nicht die Lösung sein. Die Bedingungen für eine andere Art des Reisens müssen auch politisch geschaffen werden. Die Bahn wäre auch eine stärkere Konkurrenz zum Flieger, wenn ihre Tickets günstiger und ihre Angebote besser auf Reisende zugeschnitten wären. Es kann nicht sein, dass Zug fahren in vielen Fällen teurer ist als zu Fliegen. Auf meiner jetzigen Italien Reise ist mir das noch bewusster geworden. Da muss sich etwas ändern! 

Für langsameres und längeres Reisen, braucht es aber natürlich auch mehr Urlaubszeit. Je mehr Zeit zur Verfügung steht, desto eher wächst, glaube ich, auch unsere Bereitschaft, auf den Geschwindigkeitsvorteil des Fliegens zu verzichten. Wie wäre es also mit einer Verkürzung der Jahresarbeitszeit? Schon lange wissen wir, dass mehr Arbeit nicht zwangsläufig mehr Wachstum und Produktivität bedeutet.

Ich glaube aber, was das Entscheidendste, um eine neue Kultur des Reisens und einen sanften Tourismus etablieren zu können, ist der Sinneswandel. Ein Paradigmenwechsel, der sich insbesondere in unseren Köpfen vollziehen muss. Wenn es als cool und angesagt gilt, statt ins Luxusresort auf Mauritius zu fliegen, nach Bayern wandern zu gehen, werden das auch mehr Menschen tun. Und daher sehe ich auch gerade die, die sich das Reisen um den Globus eigentlich leisten können, in einer Vorreiter- bzw. Vorbildfunktion. Nur, weil man sich etwas leisten kann, muss man es schließlich noch lange nicht tun. Und, je mehr Menschen solch einen Lebensstil vorleben, desto mehr wird auch mit der Zeit akzeptiert werden, kann ich mir vorstellen. So, wie es früher mal cool war zu Rauchen und heute immer weniger. Oder SUVs, die gelten ja auch vielerorts schon als verpönt.

Was ich sagen möchte, ist, mich selbst haben die letzten Tage auf meiner Reise zumindest sehr zum Nachdenken angeregt. Und ich kann wirklich sagen, dass mir das langsame Reisen mit dem Zug und vor allem die Zeit in der Natur unfassbar gut getan haben. Nicht einmal habe ich gedacht: „Ach wäre ich doch lieber nach Mexiko oder Honolulu gereist.“ Nicht, dass es da vermutlich nicht auch schön ist, aber ich habe nicht das Gefühl, etwas zu verpassen. Oft, wie im Alchemist von Paulo Coelho, liegt das Glück quasi vor der Haustür vergraben. Wir müssen es nur entdecken.

In dem Sinne, bin ich gespannt, von dir zu erfahren, was deine bisherigen Erfahrungen mit Reisen und vielleicht auch dem Slow Traveling sind. Letztlich geht es mir nicht darum, zu Missionieren. Ich bin ja selbst quasi auf meiner Reise im übertragenen Sinne und möchte nur meine Gedanken teilen und Impulse mitgeben. Daher freue ich mich über einen Austausch. Zum Beispiel auf Instagram, da findest du mich unter @marilena_berends. Wenn dir die Folge gefallen hat, freue ich mich, wenn du sie mit Freunden teilst oder mir vielleicht sogar eine Rezension auf iTunes hinterlässt.

Ich danke dir fürs Zuhören und hoffentlich bis bald. Bei Sinneswandel, dem Podcast für persönliche und gesellschaftliche Transformation. Bis bald

 
 
Marilena Berends
 
Podcast Sinneswandel, Folge #134

22. September 2019
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