Utopien sind gerade nicht besonders populär. In Zeiten von Krisen, Klimawandel und politischer Unsicherheit wirken Ideen von einer besseren Zukunft oft unrealistisch oder überholt.
In dieser Folge spreche ich mit Thomas über Utopien, Delulu, Solulu und das Konzept der Präfiguration – Begriffe, die auf unterschiedliche Weise beschreiben, wie Menschen über Zukunft nachdenken und sie sich vorstellen. Wir erkunden, wie Utopien heute funktionieren können, wie Anti-Dystopien als Gegenentwurf zur alltäglichen Krisenerfahrung wirken und warum der Weg in eine wünschenswerte Zukunft oft im Hier und Jetzt beginnt.
Ein Gespräch über Zeitgeist, Vorstellungskraft, gesellschaftliche Perspektiven und das Spannungsfeld zwischen Idealvorstellung und Realität.
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► Präfigurativ Schreiben mit Thomas
► Hermann, I. (2025). Zukunft ohne Angst: Wie Anti-Dystopien neue Perspektiven eröffnen. oekom
► Sörensen, P. (2023). Präfigurative Politik: Eine Einführung. Mandelbaum
► Starodub, A. (2020). Lasst es glitzern, lasst es knallen: Politische Theorie und Praxis für die Utopie. edition assemblage
► Loick, D. (2024). Die Überlegenheit der Unterlegenen: Eine Theorie der Gegengemeinschaften. Suhrkamp
► Raekstad, P. & Gradin, S. (2020). Prefigurative Politics: Building Tomorrow Today. Polity Press
► Adamczak, B. (2017). Beziehungsweise Revolution. 1917, 1968 und kommende. Suhrkamp
Sind Utopien delulu? Mit Thomas über Präfiguration als solulu
Delulu, Solulu und der Zeitgeist von Utopien
Zum Einstieg gibt es ein Assoziationsspiel. Marilena nennt das Wort „delulu“ – ein Begriff aus der Gen-Z-Kultur, abgeleitet von delusional.
Delulu steht einerseits für etwas Unrealistisches, Weltfremdes. Andererseits kann es auch positiv gelesen werden: als bewusste Flucht aus einer von Krisen geprägten Realität, als Fantasieraum, fast Pippi-Langstrumpf-mäßig – ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.
Spannend ist auch die Abwandlung „Solulu“ – von solution. Eine Haltung, die sagt: Vielleicht ist das Delulu-Denken selbst schon eine Lösung. Ein Versuch, sich Handlungsspielräume zurückzuholen, wo alles festgefahren scheint.
Anti-Dystopie statt Utopie?
Thomas bringt ein Buch ins Spiel: Anti-Dystopien von Isabella Herrmann. Die These: Klassische Utopien holen viele Menschen nicht mehr ab. Zu präsent sind Klimakrise, autoritäre Tendenzen, politische Ohnmacht.
Anti-Dystopie bedeutet nicht, an eine perfekte Zukunft zu glauben – sondern die Verschlechterung ernst zu nehmen und trotzdem zu versuchen, das Schlimmste zu verhindern. Kein naiver Optimismus, sondern ein pessimistischer Realismus, der fragt: Was können wir jetzt tun?
Utopien erscheinen in diesem Licht schnell delulu – und passen vielleicht nicht mehr in den Zeitgeist. Genau hier setzt Thomas’ Perspektive an.
Präfiguration: Wenn Zukunft im Jetzt beginnt
Marilena und Thomas sprechen über Präfiguration – ein Begriff aus politischer Theorie und Praxis. Statt auf einen fernen Idealzustand zu hoffen, geht es darum, gewünschte Zukunftsformen bereits im Hier und Jetzt zu leben.
Nicht: Irgendwann wird alles besser. Sondern: Wie handeln wir heute so, dass es sich bereits anders anfühlt?
Präfiguration fragt nach dem Wie:
- Wie organisieren wir uns?
- Wie treffen wir Entscheidungen?
- Wie gehen wir mit Konflikten um?
- Welche Mittel passen zu welchen Zielen?
Dabei geht es um horizontale Beziehungen, gemeinsame Reflexion und darum, Wege immer wieder anzupassen, wenn sie sich falsch anfühlen.
Aktivismus, Erschöpfung und politische Desillusionierung
Thomas beschreibt seinen eigenen Weg: Jahre politischer Aktivismus. Die Erfahrung, trotz Engagement wird vieles schlimmer. Gewalt nimmt zu, Regierungen werden autoritärer. Irgendwann die Einsicht: Es wird nicht mehr einfach besser.
Präfiguration wird hier zu einem Wendepunkt. Nicht als Rückzug, sondern als neue Form von politischem Handeln. Eine Praxis, die Sinn stiftet, ohne sich Illusionen zu machen.
Feministische, queere und relationale Perspektiven
Präfigurative Politik ist stark beeinflusst von feministischer und queerer Theorie. Sie stellt Machtverhältnisse, Privilegien und Positionierungen in den Mittelpunkt.
Thomas reflektiert seine eigene Rolle als weißer Mann mit deutschem Pass – und betont, dass viele Erfahrungen von Diskriminierung nicht „mitgedacht“, sondern angehört werden müssen.
Präfiguration bedeutet auch:
- Lernen voneinander
- Konflikte nicht vermeiden, sondern bearbeiten
- Unterschiede ernst nehmen, statt sie glattzubügeln
Erfahrbare Utopien im Kleinen
Utopie zeigt sich für Thomas nicht als großer Entwurf, sondern in konkreten Momenten:
- solidarisches Handeln bei Protesten
- gemeinsames Entscheiden in Hausprojekten
- Care-Arbeit, Essen verteilen, füreinander sorgen
- generationenübergreifendes, inklusives Zusammenleben
Diese Erfahrungen sind reale Utopien. Präfiguration versucht, genau diese Momente zu reflektieren und daraus Theorie zu entwickeln.
Skalierung, Institutionen und offene Fragen
Eine zentrale offene Frage bleibt: Wie lässt sich das skalieren?Wie können präfigurative Praktiken über kleine Gruppen hinaus wirken, ohne wieder autoritär zu werden?
Staatliche Institutionen, Repression, Machtfragen – all das bleibt ungelöst. Präfiguration gibt darauf keine fertigen Antworten, sondern hält den Prozess bewusst offen.